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„Musik im Gespräch!“(11/12 2014)

Justine Wanat: „Meine Sprache ist die Musik!“

Justine Wanat: „Meine Sprache ist die Musik!“

 

Justine Wanat, in Düsseldorf lebende und engagierte Dirigentin und Chorleiterin im Gespräch mit unserer Redaktion.


Justine Wanat studierte an der Musikhochschule in Katowice. 1986 absolvierte sie als Trägerin des zweiten Preises beim Chorleiterwettbewerb in Posen ihre Magister-Prüfung im Bereich Chorleitung, Chordirigieren und Musikalische Erziehung mit Auszeichnung. Anschließend war sie Chordirektor-Assistentin an der Staatlichen Schlesischen Oper in Bytom und gleichzeitig Assistentin an der Musikhochschule in Katowice.

Seit 1998 unterrichtet sie als Chorleiterin an der Clara-Schumann-Musikschule in Düsseldorf, wo sie mehrere Chorgruppen, vor allem den Clara-Schumann-Jugendchor führt. Seit 2005 ist sie außerdem Chorleiterin des Düsseldorfer Mädchenchor e.V. und Düsseldorfer Jungenchor (DMJC), der seit 1967 an den Produktionen der Deutschen Oper am Rhein beteiligt ist.

Neben Konzerttätigkeiten, CD-Produktionen, internationalen Chorbegegnungen und Musical-Aufführungen ist Justine Wanat mit ihren Chorensembles auch bei zahlreichen professionellen Musiktheater-Produktionen und Opern engagiert. In der Deutschen Oper am Rhein sind und waren dies mit dem DMJC La Bohéme (Puccini), Hänsel und Gretel (Humperdinck), Carmina Burana (Orff), Das schlaue Füchslein (Janáček), Louise (Charpentier) und Ein Sommernachtstraum (Britten/Pears).

Zu den Glanzlichtern ihrer Arbeit gehören und gehörten die Inszenierungen von Das Gesicht im Spiegel (Widmann), mit dem Clara-Schumann-Chor, sowie die Kinderoper Robin Hood (Schwemmer), mit dem DMJC. Beide Werke wurden an der Deutschen Oper am Rhein aufgeführt. Aber auch Konzerte, welche der 8. Sinfonie von Gustav Mahler galten, mit dem Dirigenten John Fiore, oder Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann, mit Bernhard Klee am Pult der Tonhalle Düsseldorf, sind in bester Erinnerung! Ferner übernahm Justine Wanat die musikalische Leitung für die Kindermusicals Geisterstunde auf Schloss Eulenstein (Schindler), Krach bei Bach (Bohm), das Jazzmusical Major Dux (Weckert) und für die Kinderoper Cinderella (Davis) beim Düsseldorf Festival (vormals Altstadtherbst Kulturfestival Düsseldorf). Zu besonderen musikalischen Ereignissen zählen außerdem die Kinderopern Brundibar (Krása), Pollicino (Henze) sowie die Musiktheater-Collage Schönheit der Schatten (Schroeter), die Oper Wozzeck (Berg) und die Weihnachtsgeschichte (Orff).

Höhepunkte ihres Schaffens 2014 waren bis jetzt Vorbereitung, Chorleitung und erfolgreiche Teilnahme mit zweitem Preis für den Clara-Schumann-Jugendchor am Concours International de Choers d'Enfants Ende März in Paris, dann Ende Mai Uraufführung von LOST/FOUND unter aktiver Mitwirkung der amerikanischen Musikerin und Komponistin Shara Worden im Rahmen des Schumannfestes in Schloss Benrath. Ende August folgte schließlich unter ihrer musikalischen Leitung, zusammen mit dem Düsseldorfer Mädchen- und Jungenchor (DMJC), die Uraufführung von 95 olé - Heimspiel (Beckmann), einem Musical über Düsseldorf und Fußball im Düsseldorfer Schauspielhaus. Dabei handelte es sich um eine gemeinsame Produktion vom DMJC, dem Förderverein des Nachwuchsleistungszentrums Fortuna Düsseldorf (NLZ) und dem Düsseldorfer Schauspielhaus.


 
Mit unendlicher Hingabe bei der Arbeit: Chorleiterin Justine Wanat.Foto: Annette Lessing

Können Sie sich an Ihre früheste Begegnung mit der Musik erinnern?

Schon als kleines Kind erfreute mich meine Mutter mit ihrem schönen Gesang. Sie hatte (hat sie noch heute) eine helle, tragende, bewegliche und klare Sopran­stimme. Dabei wurde sie von meinem Vater auf dem Klavier begleitet. Die beiden sangen öfter zweistimmig bekannte Melodien aus den Opern. Da ich als Kind schon sehr früh ebenfalls gerne gesungen habe und mir auf der Gitarre dazu die passende Beglei­tung zupfte, bekam ich mit fünf Jahren meinen ersten Klavierunterricht.

Wie entwickelte sich Ihr Verständnis für die Musik?

Als ich mit sieben Jahren an der Musikschule meinen Klavierunterricht fortsetzte, bemerkte ich, dass „Musik zwischen den Noten stattfindet“ - die Noten also nur einen Schlüssel zur Welt der Töne bedeuten. Musik war für mich immer eine höhere Offenbarung, was ich auch beim Spiel und in der Begegnung mit Kirchenmusik spürte. Sicher war es kein Zufall, als irgendwann in diesen frühen Jahren unser Priester meine Eltern zu Weihnachten besuchte und zu mir sagte: „Du kannst morgen die Messe (auf der Orgel) begleiten.“ Und einmal - ich weiß es noch wie heute - überkam mich beim Spiel der Inventionen von Johann Sebastian Bach eine innere Stimme mit dem Satz: „Du wirst dich erinnern, dass ich Musik studieren will!“ Jetzt festigte sich mein Wunsch immer mehr, Musik zu meiner Bestimmung zu machen. Was mich dazu auch wesentlich motivierte, war das Erlebnis und der Wert von Gemeinschaft, was ich besonders beim Chorsingen empfand.

 
Der Jugendchor der Clara-Schumann-Musikschule nach der Generalprobe, kurz vor Abreise zum erfolgreichen Wettbewerb nach Paris, Frühjahr 2014.Foto: Maria Becker-Sikau

Während und nach Ihrem Musikstudium fanden Sie schon bald eine besondere fachliche Ausrichtung in der Chorleitung. Was fasziniert Sie hierbei, speziell bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Es ist der besondere, helle Klang, der entsteht, wenn Kinder und Jugendliche singen. Vielleicht ist es auch ihre eigene Mischung aus Unschuld und Ernsthaftigkeit. Hinzu kommt der direkte, unverstellte Umgang mit ihnen. Unter dem Einfluss einer motivierenden und verständnisvollen Leitung ist es ihre hundertprozentige Zuverlässigkeit - gerade auch auf der Bühne beim Gang in die Öffentlichkeit. Kinder und Jugendliche lernen schnell auswendig, sind ehrlich, spontan und zeigen begeistert alles, was sie können. Was mich jedes Mal erstaunt ist, dass Kinder fähig sind, komplizierte musikalische Strukturen zu verinnerlichen und ungewöhnliche harmonische Vorgänge hören zu lernen. Bei diesem Zusammenspiel sind natürlich auch die Eltern sehr wichtig, mit denen wir am selben Strang ziehen (müssen). Ihnen gegenüber spüre ich eine besondere Dankbarkeit. Denn die Belastungen - auch an Wochenenden und in den Ferien - durch Proben, Konzerte, Opernaufführungen und Erfolge(!) sind doch sehr hoch.

 
Auch der Düsseldorfer Mädchen- und Jungenchor zeigt sein Können regelmäßig bei Wettbewerben: 2013 haben die Sängerinnen und Sänger der Hauptchöre beim Junior-Meisterchorsingen des Chorverbandes NRW in Siegen den Titel „Junior Meisterchor“ gewonnen.Foto: Annette Lessing

Vor wenigen Wochen haben Sie unter Ihrer musikalischen Leitung das Musical „95 olé - Heimspiel“ im Düsseldorfer Schauspielhaus zur Uraufführung gebracht. Worin bestand hier die Herausforderung für Sie?

Es waren sehr viele Herausforderungen damit verbunden: Nicht nur die knappe Zeit, sondern die Verbindung der Themen „Musik“ und „Fußball“. Dazu gehörte der Anspruch der gesellschaftlichen Integration in der Story des Musicals, dann das Zusammenspiel von kreativen Menschen, die so noch nie zusammen gearbeitet hatten wie die Komponistin Barbara Beckmann, die Texterin und Regisseurin Ines Habich, die Choreographin Victoria Wohlleber, die Kostüm- und Bühnenbildnerin Miriam Lahusen und Jürgen Michel mit seiner Band. Zu diesem ungewohnten Zusammenwirken trägt und trug auch die großartige Teilnahme von Jugendlichen der Fortuna-Fußballklasse der Ratinger Martin-Luther-King-Schule bei, die zur Musik zunächst nur wenig Zugang hatten. Und rein musikalisch ist dieses Musical ein Zusammentreffen der Elemente Pop, Rock, Hip-Hop und Rap. Schließlich verbindet sich hier alles, was Kinder und Jugendliche bei der gleichzeitigen Ausübung begeistert: Tanzen, Singen, Sprechen und Handeln.

Mit dem Düsseldorfer Mädchen- und Jungenchor und dem Clara-Schumann-Jugendchor leiten Sie zwei verschiedene Ensembles. Wie lassen sich die beiden dennoch voneinander unterscheiden?

Meine Leitung des Clara-Schumann-Jugendchors begann 1998. 2005 übernahm ich dann außerdem sehr gerne die musikalische Führung des 1961 gegründeten DMJC. Die Kinder und Jugendlichen beider Chöre sowie deren Eltern sind mir in gleicher Weise ans Herz gewachsen. Völlig gleichartig und gleich intensiv ist auch die Vokalausbildung, was je durch eine individuelle Stimmbildung unterstützt wird. Im DMJC sind wir ein Team aus mehreren Spezialisten. Aufgrund der traditionellen Verbundenheit mit der Oper veranlasst der Vorstand des DMJC regelmäßige Schauspiel- und Tanzworkshops, damit die Kinder intensiv und gezielt auf das szenische Agieren und Präsentieren vorbereitet werden. Mit beiden Chören fanden und finden professionelle und anspruchsvolle Konzerte statt sowie Musiktheater-Produktionen - und natürlich auch sehr erfolgreiche Beteiligungen an Chor-Wettbewerben.

 
Schlussapplaus: Der Jugendchor der Clara-Schumann-Musikschule nach beeindruckender Aufführung der Kinderoper „Das Gesicht im Spiegel“ von Jörg Widmann an der Deutschen Oper am Rhein.Foto: Maria Becker-Sikau

Wie beurteilen Sie insgesamt das Niveau der Musikausbildung von Kindern und Jugendlichen in NRW?

Das Niveau der Musikausbildung ist in NRW im Allgemeinen recht hoch, was man auch an den Schülerzahlen der Musikschulen und an der Nachfrage von privatem Instrumental-, Gesang- und Chorunterricht gut ablesen kann. Sorgen macht mir die Fortsetzung des musikalischen Unterrichts und der künstlerischen Aktivitäten der Kinder und Jugendlichen außerhalb der schulischen Verpflichtungen, vor allem nach der Grundschulzeit. Aufgrund des Leistungsdrucks in den mehr Wissen vermittelnden Fächern drohen die künstlerischen Fächer in ihrer schulpolitischen Bedeutung manchmal ihre angemessene Wertschätzung zu verlieren. Die Kinder finden keine Zeit für die Musik. Und dies, obwohl gerade der Musikunterricht (nur darüber kann ich sprechen) einen ganzheitlichen Anspruch stellt und nicht nur die kreativen, sondern auch rationale Fähigkeiten sowie - was sehr wichtig ist - die Sozialkompetenz von Kindern und Jugendlichen enorm fördert, wenn man etwa nur an das Chorsingen denkt.

An welchen Projekten arbeiten Sie im Moment?

Da sind einmal die laufenden Projekte mit dem Düsseldorfer Mädchen- und Jungenchor wie das Musical „95 olé - Heimspiel“, das nach der überaus erfolgreichen Uraufführung mit weiteren Aufführungen ins Spielzeitprogramm 2014/15 des Düsseldorfer Schauspielhauses aufgenommen wurde, dann unsere (teilweise schon jahrzehntelangen) Beteiligungen an den Opernproduktionen „Hänsel und Gretel“, „Rosenkavalier“ und „Carmen“ sowie das Weihnachtskonzert am 14. Dezember in der Erkrather Stadthalle. Mit dem Clara-Schumann-Jugendchor sind folgende interessante Projekte in Planung: Ein Jubiläumskonzert anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Japanischen Clubs Düsseldorf im Robert Schumann-Saal im November 2014, ein Benefiz-Adventskonzert „Kinder helfen Kindern“ in der Johannes Kirche und die Teilnahme am 6. Erwitter Kinder- und Jugendchorwettbewerb im Juni 2015. Außerdem ist ein weiteres Musiktheater-Projekt in Vorplanung.

 
Die Kinderoper „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck, seit Jahrzehnten Klassiker der Deutschen Oper am Rhein unter Mitwirkung des Düsseldorfer Mädchen- und Jungenchors, links im Bild Opernsänger Stefan Heidemann als Peter.Foto: Frank Heller

Welche beruflichen Wünsche haben Sie an die Zukunft?

Ich habe viele Wünsche. Meine Sprache ist die Musik! Zum Beispiel möchte ich mehr junge Männer für das Chorsingen begeistern und mit ihnen einmal wieder sehr gerne Motetten von Johann Sebastian Bach aufführen. Für meine Kinder Martha und Alex und viele ehemaligen Chorsängerinnen und Chorsänger war es ein prägendes, musikalisch ergreifendes Erlebnis „Jesu, meine Freude“ und „Komm, Jesu, komm“ zu singen. Diese musikalischen Schätze möchte ich noch vielen Jugendlichen schenken. Ich möchte neue Wege für die Chorarbeit suchen, mit jungen Musikern Projekte konzipieren und mit interessanten Profis Verbindung aufnehmen, z.B. aus den Bereichen Theater, Tanz und Regie. Gerne erinnere ich mich an die Zusammenarbeit mit Komponisten wie Oskar Gottlieb Blarr, Jörg Widmann, David Graham, David Ianni, Gerd Sorg, Shara Wordon, mit dem Regisseur Martin Oelbermann und den Choreografinnen Eva Zamazalova, Nora Pfahl und Victoria Wohlleber. Diese Kontakte würde ich gerne fortsetzen und auch neue Verbindungen knüpfen. Ich möchte einfach immer wieder gute, neue und anspruchsvolle Musik vorausdenken, vorbereiten, verbreiten und besonders auch Musiktheater-Projekte an die Öffentlichkeit bringen. Und wenn ich eine ganz bescheidene Vision äußern darf, so wäre das die Gründung einer Musiktheater-Akademie für Kinder und Jugendliche in Düsseldorf! Das fachliche Potential dafür ist reichlich vorhanden. Von ganzem Herzen möchte ich Rainer Templin, Yoshimi Yamamoto, Iskra Ognyanova, Daniela Bosenius, Lena Maria-Kramer und Agnes Lipka für ihre bisherige Unterstützung bei meiner Arbeit danken, sehr gerne auch der Leitung der Clara-Schumann-Musikschule und dem Vorstand des DMJC sowie allen weiteren Kolleginnen und Kollegen - und den vielen Menschen der Düsseldorfer Musik- und Kulturszene!


Das Gespräch führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg