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Das Interview

„Musik im Gespräch!“

Theodor Kersken„Die Neue Düsseldorfer Hofmusik repräsentiert die musikalische Seite von Jan Wellem – seiner Vorgänger und Nachfolger!“

Theodor Kersken„Die Neue Düsseldorfer Hofmusik repräsentiert die musikalische Seite von Jan Wellem – seiner Vorgänger und Nachfolger!“

 
Theodor Kersken hält das Bewusstsein an die einstige Hofmusik hoch und wach – vor und nach Jan Wellem. Hier zeigt er die Nachbildung einer Medaille mit dem Porträt des legendären Kurfürsten, die an die Eröffnung des ersten Opern-Theaters 1694 in Düsseldorf erinnert.

Theodor Kersken , gebürtiger Düsseldorfer, wurde in den 1960er Jahren auf die alte Düsseldorfer Hofmusik aufmerksam. Ein bekanntes Schallplattenlabel produzierte damals eine LP-Reihe unter dem Namen „Musik in alten Städten und Residenzen“. Die Stadt Düsseldorf war mit „Musik am Hofe Jan Wellems“ vertreten. Unter der Überschrift „Barock statt Schock“ berichtete sogar „Der Spiegel“ über das Projekt. Aus heutiger Sicht war dies der Anfang zum Aufbau des Klangarchivs „Düsseldorfer Musik“. Mit Gründung des Originalklang-Ensembles „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ und des Vereins „Düsseldorfer Hofmusik e . V.“ vor mehr als 20 Jahren begann für Theodor Kersken, damals Ausbildungsleiter in einem Bildungszentrum, ein Praxis- und Forschungsprojekt zur „hörbaren“ Musikgeschichte der Residenzstadt Düsseldorf. Die große Anzahl der wiederentdeckten, aufgeführten und CD-eingespielten Werke kann heute viele, viele spannende Konzertabende füllen.


Das musikalische Rahmenprogramm am 27. März wurde beispielhaft der umfangreichen Diskographie der Neuen Düsseldorfer Hofmusik entnommen und vom Interview-Gast jeweils kurz erläutert.

www.hofmusik.de/willkommen/discographie/


Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

Im September 1957 habe ich als junger Mann meinen ersten Opernbesuch unternommen. Als Einspringer erhielt ich die Karte eines erkrankten Bekannten. Eigentlich war das ein schreckliches Erlebnis. Es waren „Die Räuber“ von Giselher Klebe, damals eine ganz moderne Musik, so dass ich eher geneigt war, nie wieder eine Oper zu besuchen! Einen Monat später hatte ich das Glück, „Troubadour“ von Guiseppe Verdi zu sehen. Rudolf Schock war mit von der Partie – es war seine Glanzzeit. Diese Aufführung hat mich sehr begeistert! Auch seine Kollegen auf der Bühne gefielen mir sehr gut. So bin ich also über diese Oper Schritt für Schritt in die Musik hineingewachsen. Ich kann mich auch noch sehr genau an die Umstände erinnern: Um an Karten zu kommen, musste man damals schon um 5 Uhr am frühen Morgen in der Schlange an der Kasse anstehen. Aber es hat sich gelohnt!

Sie haben – neben dem Thema „Düsseldorfer Hofmusik“ – zusammen mit Oskar Gottlieb Blarr 1982 das Buch „Orgelstadt Düsseldorf – Instrumente, Spieler, Komponisten“ veröffentlicht. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Düsseldorf wird ja mit vielen Titeln belegt wie Klein-Paris, Stadt der Museen, der Künste, Mode und Messe, Stadt der Werbung usw. Aber Düsseldorf ist auch eine bedeutende Orgelstadt. Mich interessierten damals die Menschen, die mit der Orgel zu tun hatten – besonders die Organisten und Orgelbauer. Im Laufe des Zweiten Weltkrieges sind ja viele Orgeln (auch hier in unserer Stadt) zerstört und danach wieder neu errichtet worden. Oskar Gottlieb Blarr und ich trafen uns – er hatte dasselbe Interesse, so dass es nahelag, eine Publikation über dieses Thema zu veröffentlichen.

Beschreiben Sie bitte, wie sich Ihr Verhältnis zur Musik in Richtung auf die Neue Düsseldorfer Hofmusik dann weiterentwickelt hat.

Düsseldorf war ja lange Zeit Residenzstadt gewesen. In den 1960er Jahren entdeckte ich per Zufall eine Schallplatten-Edition bei EMI-Electrola mit dem Reihen-Titel „Musik in alten Städten und Residenzen“ – also Musik vom 15. bis 18. Jahrhundert. Darunter befand sich überraschenderweise auch die separate LP mit Musik „Düsseldorf – am Hofe Jan Wellems“. Es spielten die Berliner Philharmoniker, das Kammerorchester des Saarländischen Rundfunks und Musiker aus Düsseldorf, u.a. Alfred Lessing auf der Viola da Gamba. Selbstverständlich habe ich diese Platte immer noch. Hier konnte man zum ersten Mal auf einem Tonträger die alten Düsseldorfer hören – also Komponisten der Barockzeit, die hier vor und nach Jan Wellem (Johann Wilhelm II.) am kurfürstlichen Hof gewirkt haben. Da fanden sich Namen wie Agostino Steffani, Johann Hugo Wilderer, Johannes Schenk und Arcangelo Corelli, der seine Concerti grossi dem Kurfürsten widmete. Das war für mich alles überaus interessant und faszinierend. Mich bewegte auch bald schon eine mehr oder weniger vage Idee, aus dem kostbaren Fund etwas zu machen.

Gibt es eine Vorgeschichte zur Gründung Ihrer Initiative?

1993 gab es an der Folkwang-Hochschule in Essen ein internationales Festival für Naturhörner. Meine Söhne Oliver und Patrick Kersken und ich waren Mitglieder des Organisations-Teams. Dabei überkam uns immer wieder die Frage „Warum machen wir so etwas nicht in Düsseldorf?“ Düsseldorf ist doch eine großartige Stadt mit einer großen Musikgeschichte. Bei dieser Gelegenheit wurden die ersten Gedanken und Ideen zum Thema geschmiedet. Mein Sohn Oliver war kurze Zeit später Hornist im Orchester am Nationaltheater Mannheim und hat dort in der Musikbibliothek ein kleines Buch „Die Hofmusik Jan Wellems 1679–1716 – eine historisch-genealogische Betrachtung mit Herkunfts- und Nachfahrentafeln“ von Alfred Strahl entdeckt.

Welche Bedeutung hatte diese Publikation für Ihre Arbeit?

Diese verdienstvolle Arbeit des Autors ist für das Thema unseres Projektes eine der wichtigsten Quellen, die man sich überhaupt vorstellen kann. Das las und liest sich für uns spannend wie ein Krimi!

 
Die „großen, kahnartigen Filzpantoffeln“ – wie sie einst Thomas Mann in seiner Erzählung „Die Betrogene“ beschrieb – schonen bei den Schluppen- und bei den Wandelkonzerten den wertvollen Parkettboden des Benrather Schlosses.
Quelle: Düsseldorfer Hofmusik / Archiv

Und die eigentliche Gründung der „Neuen Düsseldorfer Hofmusik“?

1995 kam es dann zur Gründung der „Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ als Orchester und separat dazu als Verein. Nach den ersten Quellenbefragungen, die wir schon vorher durchgeführt hatten, sind wir im Laufe der letzten 20 Jahre überaus fündig geworden – wirklich ohne Ende! Ich darf dazu die Aussage des Musikwissenschaftlers Alfred Einstein (ein entfernter Verwandter des Physikers) von 1908 zitieren: „Zu dieser Kargheit der Akten tritt der völlige und unerklärliche Verlust aller Musikwerke, die an Jan Wellems Hof erklungen sind.“

Stimmt denn diese Behauptung?

Dieser Aussage (1908), stehen heute unsere Recherchen gegenüber, die ungeheuer viel Material zum Thema hervorgebracht haben! Bis jetzt haben wir über 66 Komponisten mit über 200 Werken ausfindig gemacht, die alle etwas mit Düsseldorf als Residenzstadt, seit dem 14. bis 18. Jahrhundert, zu tun haben! Dazu gehören auch viele Briefe, Dokumente, Gemälde (Porträts) und Musikinstrumente. Das ist alles belegt. Wir erhalten übrigens auch viele Nachrichten über die Düsseldorfer Musikgeschichte aus Amerika. Wir bemühen uns also, nicht nur die damalige Musik „hörbar“ zu machen, sondern auch alles, was dazu gehört zu sammeln, zu sichten und auszuwerten. Die Fürsten und Könige der damaligen Zeit waren ja nicht nur die politischen Machthaber, sondern auch die entscheidenden Instanzen, welche die Kunst und die Kultur – also auch die Musik – wesentlich bestimmt haben.

Beschreiben Sie bitte, wie sich die „historischen Hofmusiken“ entwickelt haben.

Hofmusiker waren damals Musiker, die von ihren Fürsten engagiert wurden, um alle Staatsgeschäfte als ausgesprochen repräsentative Rituale wie Staatsfeste, Familienfeste, Gottesdienste, Staatsbesuche, Verträge usw. feierlich auszugestalten. Sie mussten dafür tagtäglich bereitstehen, gehörten zum Hofpersonal, waren viel auf Reisen und besaßen den Status von Hofbediensteten – manchmal auch Kammerräten – natürlich mit besonderen Begabungen (als Komponist und Musiker). Ein weiteres Merkmal dieser Hofmusiker war ihre sehr starke Vernetzung untereinander – die kannten sich alle! Wahrscheinlich nutzten sie die damalige Diplomatenpost, die besonders schnell war. Angestellt wurden die Musiker, wenn der Fürst von deren Leistungen begeistert war, oder die musikalische Verwandtschaft eine Empfehlung ausgesprochen hatte.

Gibt es Gattungen der Historischen Hofmusik?

Die historische Hofmusik deckte folgende Gattungen ab: Tafelmusik, Tanzmusik, Opernmusik, Kammermusik, geistliche Musik (z.B. für Festgottesdienste), Huldigungs-Kompositionen – die Anzahl der musikalischen Widmungen für Kurfürst Johann Wilhelm ist legendär. Typisch für die damaligen Hofmusiker war, dass sie untereinander nicht nur sehr intensiv vernetzt waren, sondern auch ihre eigenen Familien (mit Nachkommen) in das musikalische Geschehen eingebunden hatten. Beispiel: Flötist und Flötenlehrer Matthias Friedrich Cannabich hier am Hof, der nach Auflösung der Hofkapelle (1716) mit nach Mannheim ging, um dort u.a. als Flötenlehrer des jungen Carl Theodor zu arbeiten, der sich viel mehr als Musiker denn als Kurfürst verstand. Der Sohn von Matthias Friedrich Cannabich war Christian Cannabich, der sich später intensiv mit Mozart befreundete, der ja bekanntlich öfter in Mannheim weilte. Christian Cannabich war mit 13 Jahren in Düsseldorf – 1746/47 – als Carl Theodor für kurze Zeit von Düsseldorf aus regierte. Er gehörte zur Mannheimer Hofkapelle, die den Kurfürsten begleitete, u.a. Johann Stamitz.

Was versteht man unter der Initiative „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ und wie ist sie organisiert?

Dabei müssen wir zweierlei unterscheiden: Einmal das Ensemble „Neue Düsseldorfer Hofmusik“, das im Wesentlichen aus Hochschulmusikern besteht. Dann gibt es den Förderverein „Düsseldorfer Hofmusik“, der für die finanziellen Grundlagen des Ensembles und der Forschungsarbeit sorgt. Die Leitung der „Hofmusik“ liegt bei Oliver Kersken, der Konzertmeisterin Prof. Mary Utiger und einem künstlerischen Betriebsbüro. Dieses Leitungsteam befasst sich mit den inhaltlichen Aspekten und Projekten wie Planung und Durchführung von Konzerten, Kooperationen mit der Deutschen Oper am Rhein, Konzertreisen, Sommerakademie für Alte Musik, CD-Aufnahmen usw. Bei den Musikern selbst haben wir eine Stammbesetzung, die – je nach Projekt – durch eine ganze Reihe von befreundeten Musikern ergänzt wird, die natürlich unsere Ideen verbindlich mittragen. Die Hofmusiker musizieren auch in anderen, bekannten Ensembles der Alten Musik.

Haben Sie ein Beispiel für die so wichtige Verbindung zwischen historischer Hofmusik und deren Hörbar-Machung im Rahmen Ihrer Arbeit?

Wenn etwa Jan Wellem Staatsempfänge zu geben hatte, dann wurde große Musik gespielt. Zum Beispiel als Kaiser Karl III. (später Karl VI.) 1703 in Düsseldorf zu Besuch war, praktizierte hier der italienische Komponist Luigi Mancia, der zu diesem Anlass für den Staatsgast eine Kantate komponierte. Die Noten des Werkes sind uns erhalten. Die Kantate haben wir schon in Schloss Benrath aufgeführt. Es ist für uns also immer wieder faszinierend, wenn wir nicht nur solche Zusammenhänge zwischen historischem Geschehen und seiner musikalisch-rituellen Begehung entdecken, sondern dann auch noch die Musiknoten dazu haben. Auf diese Weise sind wir in der Lage, nicht nur sehr genau an diese Kontexte zu erinnern, sondern die historischen Ereignisse sehr exakt zu rekonstruieren und musikalisch erlebbar zu machen. Zum Glück stehen wir mit sehr vielen Archiven auf der Welt in direkter Verbindung.

 
Unter der Regie des bekannten Regisseurs Christof Loy produzierte die Deutsche Oper am Rhein in Kooperation mit der Neuen Düsseldorfer Hofmusik 2001-2004 den viel beachteten Monteverdi-Zyklus. Hier eine Szene aus: „L’incoronazione di Poppea“.
Quelle: Eduard Straub / DOR

Können Sie die Zusammenarbeit mit einem der Archive nennen?

So hat uns z.B. der Archivar der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden einmal originale Notenblätter gezeigt, die von Gewehrkugeln regelrecht durchlöchert waren. Aber auch hier gelang es unserem „Notenfuchs“ – dem Cembalisten Christoph Lehmann – die entsprechende Musik zu rekonstruieren und zu spielen.

Jan Wellem hat ja auch die Düsseldorfer Oper begründet – möchten Sie hierzu ein paar Anmerkungen machen?

Natürlich gab es bereits vor Jan Wellem ein großes musikalisches Interesse der Landesherren am Düsseldorf Hof. 1585 feierte Düsseldorf eines der größten Feste seiner Stadtgeschichte: „Die fürstlich Jülische Hochzeit“– Erbprinz Johann Wilhelm I. von Jülich-Kleve-Berg heiratete die Markgräfin Jakobe von Baden. Aus diesem Anlass wurde u.a. das opernhafte Singspiel „Orpheus und Amphion“ aufgeführt. Nachdem die Linie des Hauses Jülich-Kleve-Berg 1609 ausgestorben und die Nachfolge auf das Haus Pfalz-Neuburg (Wittelsbach) übergegangen war, kam Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm (Großvater Jan Wellems) 1614 nach Düsseldorf, der sich als Musikfan der italienischen Musik zuwandte, sich z.B. für Andrea und Giovanni Gabrieli begeisterte. Aus bescheidenen Anfängen baute er seine Hofmusik auf. Sein Sohn und Nachfolger Philipp Wilhelm (dem Vater Jan Wellems) setzte die Aufbauarbeit fort. Zu dieser Zeit war Giovanni Battista Mocchi Hofkapellmeister, der ein Krippenspiel für Kinder komponiert hatte, dessen Noten uns noch erhalten sind. Jan Wellem konnte dann die Lorbeeren der Aufbauarbeit seiner Vorgänger ernten. Seine Hofmusik war eine der größten nördlich der Alpen! Die „ruhmvolle“ Kapelle wurde 1711 zur Kaiserwahl Karl VI. nach Frankfurt eingeladen. Über 20 Opernuraufführungen spielten die Musiker in dieser Zeit – Komponisten waren Sebastiano Moratelli, Carlo Pietro Grua, Johann Hugo Wilderer und Agostino Steffani. Die barocken Sängerstars wurden verpflichtet oder sangen als Gast auf der Düsseldorfer Opernbühne. Georg Friedrich Händel war bei seinen Besuchen in Düsseldorf tief beeindruckt.

Gibt es Hinweise, wann und wo dieses musikalische Krippenspiel in Düsseldorf aufgeführt wurde?

Das Werk wurde damals für die Fürsten- und Adelskinder in St. Lambertus und in der Maxkirche aufgeführt. Zu den Aufgaben des Hofkapellmeisters gehörte es ja auch, sich um die musikalische Ausbildung der Kinder zu kümmern – die hatten ihre Freude daran und nannten ihn „Onkel Mocchi“.Kennzeichen der damaligen jungen Adligen war ihre Bildung in sprachlicher, geschichtlicher und musikalischer Hinsicht. Aus staatlicher Raison wurden die Töchter dann verheiratet, was aus rein menschlichen Gründen gelegentlich auch gelang – wie etwa die zweite Heirat zwischen Jan Wellem und Anna Maria Luisa de’ Medici im Jahre 1691. Die beiden mochten sich offensichtlich, obwohl sie sich vor der Hochzeit nicht gekannt hatten. Die Söhne bekleideten wichtige Ämter im Reich.

Welche musikalischen Erkenntnisse haben Sie aus der europäischen Vernetztheit Jan Wellems gewonnen?

Durch den reichen Kindersegen der Pfalz-Neuburger war der Düsseldorf Hof mit vielen europäischen Fürstenhäusern vernetzt. Als Jan Wellem 1678 seine erste Hochzeit mit der Habsburgerin Maria Anna Josepha vollzog, heiratete er in eine ausgesprochen musikalische Familie hinein. Sein Schwiegervater, Ferdinand III. und sein Schwager, Leopold I. gehören zu den „komponierenden“ Kaisern. Ihre Werke sind erhalten und von uns schon aufgeführt worden. Es ist erstaunlich, dass regierende Kaiser im Habsburger Reich überhaupt Zeit hatten zu komponieren. Besonders Leopold I., der z.B. zwischen Türkenkriegen am Vormittag und einer Abendgesellschaft mit großem Theater in Wien noch Zeit und Muße hatte, musikalische Werke zu schaffen. Jan Wellem musste sich also aufgrund der musikalischen Talente seiner angeheirateten Familie schon anstrengen! So gibt es einen Briefwechsel zwischen Leopold I. und Jan Wellem, in dem sich die beiden über Musik unterhalten. Auch darüber, dass Hofmusiker zwischen den Höfen ausgetauscht wurden. Die dritte Ehegattin Eleonora Magdalena von Leopold I. war ja die Schwester von Jan Wellem. Die zweite Heirat zwischen Jan Wellem und Anna Maria Luisa de’ Medici hatte einen reichen kulturellen Austausch zwischen Florenz und Düsseldorf zur Folge – der rege Briefwechsel der Kurfürstin mit Ihrer Familie zeugt davon. Diese Vernetzung mit allen europäischen Höfen war für Düsseldorf damals ein Glücksfall – auch für die Musik.

Haben Sie vielleicht auch dafür ein Beispiel?

Die spanische Königin Anna Maria, die 1667 auf Schloss Benrath geboren wurde, galt als die beste Musikerin der Familie und war Jan Wellems Lieblingsschwester. Anlässlich ihrer Ferntrauung mit Karl II. sang sie eine Arie von Leopold I., der sie am Cembalo begleitete. Im spanischen Nationalmuseum in Madrid werden „Düsseldorfer Noten“ aufbewahrt!

Welche Zielgruppen sprechen Sie mit Ihrer Arbeit besonders an?

Zu den Zielgruppen ist folgendes zu sagen: Wir möchten mit der Musik und unserer Arbeit gerne Menschen ansprechen, die Lust auf neue alte Musik haben und sich auch für die kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Entstehungszeiten interessieren – gewissermaßen auf Entdeckungsreise gehen. Unter den Zielgruppen sind uns auch die jungen Nachwuchs-Hörer sehr wichtig. So veranstalten wir in Schloss Benrath sogenannte „Schluppenkonzerte“ für Kinder im Grundschulalter. Aber es gibt auch Erwachsene, die nur zu diesen Kinderkonzerten kommen. Die Besucher tragen über ihre normalen Schuhe große Filzpantoffel, um den wertvollen Parkettboden zu schonen. Sie sitzen teilweise auf dem Boden ganz in der Nähe der Musiker und können sich zwischendurch mit ihnen auch unterhalten. Überliefert ist von Anna Luisa de’ Medici, sie habe im Sommer bei geöffnetem Fenster gerne den „Froschkonzerten“ gelauscht. Also haben wir für die Schluppenkonzerte den Kindern kleine mechanische Frösche aus Blech in die Hand gedrückt und sie aufgefordert, den Takt mit zu knacken. Das fanden die Kinder einfach toll! Sie konnten die Knallfrösche natürlich mit nach Hause nehmen, wobei die Eltern sicherlich ihre Freude hatten. Natürlich möchten wir mit unseren Bemühungen auch Menschen aus Nah und Fern ansprechen – und gewinnen. Denn vielen ist nicht nur die Düsseldorfer Hofmusik völlig unbekannt, sondern auch die Tatsache, dass Düsseldorf die längste Zeit unserer Stadtgeschichte – Jahrhunderte lang – eine Residenzstadt war. Alles was in dieser Zeit auch musikalisch geschehen ist, ist wirklich beeindruckend!

 
Rechtzeitig zum Jan-Wellem-Jahr 2008 konnte man die Oper „Giocasta“ von Johann Hugo Wilderer erleben, dem einstigen Hofkapellmeister unseres verehrten Kurfürsten. Auch diese Inszenierung entstand in der intensiven und erfolgreichen Zusammenarbeit von Rheinoper und Neuer Düsseldorfer Hofmusik.
Quelle: Düsseldorfer Hofmusik / Archiv

Können Sie das Leistungsspektrum der „Neuen Düsseldorfer Hofmusik“ beschreiben?

Zusammengefasst handelt es um folgende Formen und Projekte: Schluppenkonzerte für Kinder, Wandelkonzerte, Opern-Projekte, Sommer-Akademie für Alte Musik, Medien-Projekte.

Zu Ihren speziellen Konzert-Formaten gehören ja auch die Wandelkonzerte? Was versteht man darunter?

Dabei handelt es sich seit 1998 um eine Konzertreihe in Schloss Benrath, die von der „Stiftung Schloss und Park Benrath“ veranstaltet wird. Mit über 200 Konzerten der Hofmusik sind die Wandelkonzerte gute musikalische Tradition in Düsseldorf und dem Rheinland. Die moderierten Konzerte verbinden Räume, Bilder und Klänge miteinander, da die Barrieren zwischen Publikum und Musikern gelockert, ja geradezu aufgehoben sind: Auf Filzpantoffeln genießen die Besucher beim „Wandeln“ mit der Musik das wunderbare Ambiente des Schlosses so, wie Thomas Mann (1875–1955) in seiner Erzählung „Die Betrogene“ die handelnden Personen bei einem Besuch des Benrather Schlosses in „große, kahnartige Filzpantoffeln“ steigen lässt. Die Konzertprogramme schöpfen aus dem großen Repertoire der „Alten Musik“ mit vielen Neuentdeckungen. Im Rahmen dieser Konzerte haben wir bisher die Werke von über 250 Komponisten aufgeführt. Die bekannten „Helden“ wie Corelli, Händel und Bach kennen wir alle, was auch gut so ist. Wim Wenders, der bekannte in Düsseldorf geborene Filmregisseur, meinte einmal, man solle „nicht außer Acht lassen, was es da sonst noch gibt.“ Der Regisseur meinte wohl, dass nicht nur die „Highlights“ zählen. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass die Musiker aus Noten, die im „Kartoffeldruck“ (historischen Notenbild) geschrieben sind, musizieren.

Welche Konzerte und Kooperationen bieten Sie sonst noch an?

Einer der Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit ist für die Neue Düsseldorfer Hofmusik die intensive Zusammenarbeit mit der Deutschen Oper am Rhein. Wir sind sehr glücklich und dankbar, dass wir als Originalklang-Ensemble dort das barocke Opernrepertoire interpretieren können. In der Inszenierung von Christof Loy wurde 2001–2004 ein viel beachteter Monteverdi-Zyklus realisiert. Es folgte ein breit angelegter Rameau-Zyklus, der 2012 mit „Castor et Pollux“ unter Opern-GMD Axel Kober abgeschlossen wurde. Mit „Xerxes“ von Georg Friedrich Händel ging die erfolgreiche Zusammenarbeit in das 13. Jahr. Die Deutsche Oper am Rhein setzte damit ihre Aufführungen bedeutender Barockopern fort. Die Neue Düsseldorfer Hofmusik musizierte unter dem Dirigat von Konrad Junghänel. Die Inszenierung lag in den Händen von Stefan Herheim, die als Koproduktion mit der Komischen Oper Berlin gezeigt wurde. In der Produktion „Shoot/Get Treasure/Repeat“ von Mark Ravenhill des Düsseldorfer Schauspielhauses musizierte die Neue Düsseldorfer Hofmusik ebenfalls Werke von Claudio Monteverdi.

Haben Sie für Ihre Opern-Projekte auch externe Sänger gewinnen können?

Unsere Konzertmeisterin Mary Utiger ist Professorin an der Musikhochschule München und ist dort auf den Sänger Valer Sabadus aufmerksam geworden, der dort studierte. Wir konnten den Sänger für das 100. Wandelkonzert auf Schloss Benrath und für das vorweihnachtliche Konzert im gleichen Jahr in der ehemaligen Hofkirche St. Andreas gewinnen. Wir waren alle begeistert! Der Sänger wurde von der Deutschen Oper am Rhein für die Rolle des Xerxes in der gleichnamigen Oper von G. Fr. Händel verpflichtet. Er gilt heute als Star in der Szene.

Können Sie weitere Opern-Projekte nennen?

Mit der Deutschen Oper am Rhein haben wir 2007 im Robert-Schumann-Saal die Oper „Ezio“ von Christoph Willibald Gluck konzertant aufgeführt und eine Welt-Ersteinspielung auf CD produziert. Das Jan-Wellem-Jahr 2008 brachte für uns ein besonderes musikalische Ereignis: Mit der Deutschen Oper am Rhein konnten wir nach über 300 Jahren die Oper „Giocasta“ von Johann Hugo von Wilderer (1670–1724), dem Hoforganisten und Hofkapellmeister unter Jan Wellem, im Robert-Schumann-Saal aufführen. Die Original-Partitur liegt in der „Schlafkammer Bibliothek Leopold I.“ – der Österreichischen National Bibliothek in Wien.

Gibt es konkrete Hinweise auf die erste Oper, die jemals in Düsseldorf uraufgeführt wurde?

Die erste Oper war wohl „Didone“ von Sebastiano Moratelli – aufgeführt an einer unzulänglichen Spielstätte. Das Libretto schrieb Georgio Maria Rapparini, dem Sprachsekretär Jan Wellems. Auf Betreiben der Kurfürstin wurde dann mit privaten Mitteln das „große Opernhaus“ gebaut und 1696 mit der Oper „Giocasta“ von Johann Hugo von Wilderer eröffnet. Standort des Opernhauses war auf der Mühlenstraße, wo sich heute das Andreasquartier befindet. Vor dem „großen“ Opernhaus gab es schon ein „kleines“ Theater. Aus dieser Zeit (1694) gibt es übrigens eine Medaille (die wir heute in der Staatlichen Münze in München betrachten können) mit Jan Wellem auf der Vorderseite und einem Notenbild auf der Rückseite: 7 cm Durchmesser. Die Noten (vielleicht eine Huldigungs-Musik?) stellen dabei eine kleine Sensation dar: Sie sind mit einem französischen Text unterlegt.

Im Rahmen der Neuen Düsseldorfer Hofmusik betreiben Sie eine umfangreiche Medienarbeit. Was verstehen Sie darunter?

In Zusammenarbeit mit Rundfunkgesellschaften wie dem Deutschlandfunk entstehen Hörbeiträge und Musiksendungen aus dem CD-Bestand der Hofmusik. Ebenso kooperieren wir mit dem WDR, indem wir z.B. alte Noten in der Uni-Bibliothek Münster entdecken, darüber berichten und die Werke im Sendesaal aufführen. Auch entstehen zusammen mit dem WDR CD-Produktionen. Alle ARD-Sender bringen übrigens in ihren Programmen regelmäßig Musik der Hofmusik zu Gehör.

Seit vielen Jahren veranstalten Sie sogenannte Sommerakademien. Welche Funktion haben diese Veranstaltungen?

Die Förderung des musikalischen Nachwuchses ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. So findet im Juli 2018 im Benrather Schloss zum 9. Mal die „Internationale Sommerakademie für Alte Musik“ statt, die mit einem bestens besuchten Abschlusskonzert am 27. Juli 2018 im Kuppelsaal endet. An der Akademie nehmen Studenten teil, die sich mit der alten Musik vertraut machen möchten. Dabei werden alle Räumlichkeiten des Schlosses und der Orangerie in ein regelrechtes Musik-Schloss verwandelt. Das Schöne daran ist auch, dass wir nach Abschluss einer Sommerakademie zu den ehemaligen Teilnehmern immer noch Kontakte pflegen.

Wie sammeln und organisieren Sie Ihre besonderen Freunde und Anhänger?

Als beratendes Mitglied kooperieren wir mit den „Freunden von Schloss und Park Benrath“. Wir gestalten zusammen den „musikalischen Neujahrsempfang“ und das „Konzert zwischen den Jahren“.

Welche Pläne und Wünsche hat die „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ an die Zukunft?

Bis zu Jan Wellems Tod im Jahre 1716 blühte das Düsseldorfer Musikleben mit großer Pracht. Sein Nachfolger Karl Philipp verlegte die Residenz und auch die Hofmusik nach und nach an den Neckar, zuerst nach Heidelberg und dann nach Mannheim. Auf diesen Wegen sind viele Werke verloren gegangen, denn in Düsseldorf existiert leider keine ehemalige Hofbibliothek. Und doch kann man dieser Musik nachspüren, Werke auffinden, Beziehungen herstellen und Einflüsse überprüfen! Die „Neue Düsseldorfer Hofmusik“ möchte an diese große Zeit der Düsseldorfer Musikgeschichte anknüpfen und allen Musikliebhabern die Musik in Konzerten, Opernaufführungen, Tonträgerproduktionen und mit unserer Quellenforschung wieder „hörbar“ in das Bewusstsein zurückbringen.

Das Interview führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Fotos: Thomas Kalk.

Programm-Vorschau:

Freitag, 25. und Samstag, 26. Mai 2018, 20:00 Uhr, Corps de Logis:
2. Wandelkonzert „Versteckte Kostbarkeiten“


Ein fast vergessenes musikalisches Erbe

Sonntag, 27. Mai 2018, 11:00 Uhr, Corps de Logis:
Schluppenkonzert – Konzert für Kinder


Karten: Museumsshop 0211 8993832
Online: www.schloss-benrath.de

 
Theodor Kersken und Hartwig Frankenberg beim Gespräch in der Musikbibliothek.

INTERVIEWREIHE „MUSIK IM GESPRÄCH“: WEITERE TERMINE 2018

Zeit: 20:00 Uhr

Ort: Zentralbibliothek / Musikbibliothek / Lesefenster

Bertha-von-Suttner-Platz 1
40227 Düsseldorf


Prof. Dr. Karlheinz Schüffler, Organist und Mathematiker, Hochschule Niederrhein, Krefeld

Gabriele Nußberger, Konzertmeisterin und Dirigentin Kammerorchester Kaarst

Michael Becker, Intendant Tonhalle Düsseldorf

Dr. Hella Bartnig, Chefdramaturgin Deutsche Oper am Rhein