Konzertkalender in+um Düsseldorf

Archiv

Editorial-Archiv

(11/12 2015)

Musikalischer Spätherbst: Dem Neuen entgegenwachsen!

Musikalischer Spätherbst: Dem Neuen entgegenwachsen!

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Mit dem Spätherbst im November ist es wie mit der Spätromantik in der Musik: Die Formen lösen sich langsam auf, es wird bunter und dunkler, aufgekratzter und ruhiger, lauter und leiser, heidnischer und geistlicher – alle Extreme dicht nacheinander: von Hoppeditz Erwachen über Sankt Martin, Volkstrauer- und Totensonntage, Advent und Weihnachten bis hin zu den Rauhnächten werden wir rituell ganz schön in die Mangel genommen! Eine Jahreszeit für Exzentriker?

Gegensätze ziehen sich nicht nur an, wie das Sprichwort meint, sondern feiern ihre Entstehung oft auch in ein und demselben Gemüt. Wussten Sie, dass manche Fußballprofis nicht nur leidenschaftliche Kicker sind oder waren, sondern auch praktizierende Anhänger klassischer Musik? Von Franz Beckenbauer hören wir, er sei ein Wagner-Fan und fahre gerne und oft nach Bayreuth. Oliver Bierhoff sang übrigens als Junge bei den Regensburger Domspatzen und pflegt klassisches Erbe. Und vom sprachgewalt-tätigen Giovanni Trapattoni kennen wir nicht nur das ruppige „Ich habe fertig“, sondern auch das erstaunliche Bekenntnis: „Bach gibt mir Power“.

Auch unter Musikern gibt es Beispiele für biografische Synthesen angeblicher Gegensätze. Einen besonderen Exponenten stellen wir im Interview des vorliegenden Konzertkalenders vor. Es ist der Wuppertaler Konzertorganist und Dirigent Thorsten Pech, der am 29. September bei „Musik im Gespräch!“ von sich sagte, er sei „Kirchenmusiker mit Operettenerfahrung“. Sein frühkindlicher Wunsch, die Orgel zu spielen, beförderte offenbar nicht nur sein körperliches Wachstum, so dass er schon als Achtjähriger mit den Füßen an die Pedale kam. Die „überwältigende Klangfarbe der Orgel sowie die Feinheit in den Nuancen des Orgelspiels“, wie er sagt, öffneten ihm zudem den musikalischen Kosmos, der Grenzen nicht verwischt, sondern Identitäten respektiert, stabilisiert und zur Entfaltung bringt – sehr wohl aber gemeinsame Tiefen als Fundamente erkennen lässt. Hierbei verweist er auf Beispiele wie Richard Wagner und Jacques Offenbach, der ursprünglich ausgebildeter Kirchenmusiker war oder auch auf Pietro Mascagni mit seiner Oper „Cavalleria Rusticana“. Die verblüffend einfache Erklärung von Thorsten Pech zum vermeintlichen Spagat: „Hier liegt die Seelenverwandtschaft im Öffnen der Herzen, die Menschen in ihren persönlichen Lebensgefühlen ansprechen kann und verwandelt.“

Als grafischen Ausdruck dieser weltlich-sakralen Re-Integration konzipierte unser Gestalter deshalb diesmal die herbst-bunten Orgelpfeifen für den Außentitel unseres Konzertkalenders – als spektralfarbigen EAN-Code für das ewig Neue in uns!

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Editorial

Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf