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Das Interview

„Musik im Gespräch!“

Michael Becker„Mit Musik so viele Menschen wie möglich erreichen!“

Michael Becker„Mit Musik so viele Menschen wie möglich erreichen!“

 
Michael Becker, Intendant der Tonhalle und der Düsseldorfer Symphoniker, hat seit seinem Dienstantritt 2007 für das Konzert- und Musikleben in der Landeshauptstadt bedeutende Meilensteine gesetzt.

Interviewgast:

1966 in Osnabrück geboren, stammt Michael Becker aus einer Musikerfamilie. Er studierte Bratsche bei Jürgen Kussmaul in Düsseldorf und war Mitglied verschiedener Orchester. Nach einem Journalistikstudium in Hannover arbeitete er für Funk und Presse, übernahm die Intendanz der Niedersächsischen Musiktage – bis er 2007 zum Intendanten der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle berufen wurde. Mit seinem Konzept „Tonhalle 0 bis 100“ entwickelte er eine einzigartige Programmstruktur, mit der die Tonhalle Düsseldorf – als erstes Konzerthaus in Deutschland – Musik für jede Altersgruppe anbietet. Seine Moderationsauftritte, jeweils zu Beginn der meisten Konzerte, sind mittlerweile fester Bestandteil des Konzertbetriebs geworden, so dass die Kommunikation mit dem Publikum heute als ein Markenzeichen der Tonhalle gilt.

Gerade hat er seinen Vertrag mit der Tonhalle bis 2024 verlängert, die von ihm seit kurzem als selbständiges Unternehmen (gGmbH) geführt wird. Beckers Intendanz ist geprägt durch eine deutliche Steigerung der Besucherzahlen (95% Auslastung) sowie einer Steigerung von über 100 Prozent bei den Abozahlen (auf über 5.000 Abonnenten innerhalb der vergangenen drei Jahre). Auch auf nationaler und internationaler Ebene ist er aktiv: Seit 2017 moderiert er einen symphonischen Konzertzyklus in der Elbphilharmonie Hamburg. Für 2019 wurde Michael Becker zum Chairman der internationalen IAMA-Conference gewählt, die im April 2019 nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland und erstmals in der Tonhalle Düsseldorf stattfinden wird. Mit seiner Frau Sara Koch und seinen vier Kindern lebt er seit elf Jahren im Stadtteil Derendorf. www.tonhalle.de


Musikalische Umrahmung:

Alina Bercu (Klavier), Dragos Manza (Geige) und Michael Becker (Bratsche) spielten am 25. September in der Musikbibliothek Düsseldorf gemeinsam und im Wechsel die folgenden Werke:

Wolfgang Amadeus Mozart: aus dem Duo in G Dur KV 423, 3. Satz „Rondeau (Allegro)“ für Geige und Bratsche

Sergei Rachmaninow: „Liebesfreud“ für Klavier-Solo nach Fritz Kreislers originaler, gleichnamiger Komposition

George Enescu: „Impromptu concertant“ für Geige und Klavier

Manuel de Falla: „La vida breve“ in einer Transkription für Geige und Klavier von Fritz Kreisler

Bela Bartok: „Rumänische Volkstänze“ arrangiert für Geige und Klavier von Zoltan Szekely

Robert Schumann: aus den „Märchenerzählungen“ op. 132 für Geige (oder Klarinette), Bratsche und Klavier, 3. Satz „Ruhiges Tempo, mit zartem Ausdruck“


Die Musiker:

Die bedeutende Konzertpianistin Alina Bercu wurde in Campina (Rumänien) 1990 geboren und studierte an der Musikhochschule Brasov, an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar sowie in Nürnberg und Frankfurt am Main. Sie gastierte auf vielen wichtigen Musikbühnen Europas, Amerikas und Asiens – darunter: Carnegie Hall New York, Tonhalle Zürich, Prinzregententheater München, Tonhalle Düsseldorf, Musikhalle Hamburg, Auditorium in Rom, Palace Hall in Bukarest und das Rumänische Atheneum. Sie arbeitete dabei mit namhaften Dirigenten und Sinfonieorchestern zusammen. Studio- und Live-Aufnahmen von ihr wurden auf insgesamt drei CDs in die Goldene Phonothek des Rumänischen Rundfunks aufgenommen. Seit 2018 wird sie durch die Hochschule für Musik Franz List Weimar im Rahmen des Thüringer Programms zur Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchskünstlerinnen unterstützt. www.alinabercu.com

Programm-Vorschau:


„Klavierissimo“ – 19:30 Uhr, Klavierabend in der Aula Wetzikon/Schweiz, Werke von Beethoven, Chopin und Rachmaninow.

Sunisheimer Klaviertage – 19:30 Uhr, Stiftskirche Sunisheim, Werke von Scarlatti, Beethoven, Chopin und Rachmaninow.

Dragos Manza ,geboren 1988 in Rumänien, studierte ebenfalls u. a. an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Im Jahr 2011 wurde er gemeinsam mit der rumänischen Pianistin Alina Bercu Preisträger des internationalen Kammermusikwettbewerbs „Premio Trio di Trieste“. Er konzertierte in ganz Europa und gewann viele Preise. So debütierte er 2009 als Preisträger der Sommerakademie des Mozarteums Salzburg bei den Salzburger Festspielen. Er war Stipendiat u. a. der Neuen Liszt Stiftung Weimar und der Oscar und Vera Ritter-Stiftung Hamburg. Seit der Konzertsaison 2012/13 ist Dragos Manza 1. Konzertmeister der Düsseldorfer Symphoniker. www.tonhalle.de

Programm-Vorschau:


Mendelssohns Violinkonzert d-moll – 16:30 Uhr, in der Tonhalle Düsseldorf mit Dragos Manza als Solist in Begleitung der Düsseldorfer Symphoniker.

Interview:

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

Bei Kindern von Musikern hört man manchmal von ersten Musikerfahrungen im pränatalen Zustand – also im Bauch der Mutter. Möglicherweise waren es bei mir die wunderbaren Cello-Klänge meiner Mutter. Die erste praktische Begegnung mit Musik dürfte an unserem uralten Bechstein-Flügel passiert sein, indem ich mich mit ungeheurer Spielfreude auf Terzen spezialisierte, und meine Familie das Weite suchte. Dann lag da für meine Kinderaugen so eine Art Schraubenzieher herum, der in Richtung Spitze um die Ecke ging und dort eine Kapsel mit blumenförmiger Öffnung hatte. Diese passte komischerweise auf diese vielen, vielen Stäbchen, die jedes Klavier hat und um die sich die Saiten schlingen. Wenn man aber daran dreht, verändert sich der Ton.

Vielleicht wollten Sie ja mal Klavierstimmer werden?

Daraufhin ist mein Vater in der Küche aufgesprungen und hat versucht zu retten, was zu retten ging. Aber es war schon zu spät, so dass ein Klavierstimmer kommen musste. Was dann folgte, war die übliche musikalische Früherziehung in einer Musikschule, wo ich gleich am ersten Tag rausgeflogen bin, weil ich einem Mitschüler beim Im-Kreis-Laufen zur Musik ein Bein gestellt hatte. Anschließend hatte ich Geigenunterricht bei Gesa Ruprecht, von der ich leider überhaupt nicht mehr weiß, wie sie aussah. Aber ich kann mich erinnern, dass wir im Unterricht die Geige unters Kinn klemmen und freihändig „Panamakanal“ sagen mussten.

Wie verlief Ihre musikalische Entwicklung dann weiter? Was kam nach den Terzen?

Nach den Terzen kamen die Quinten! Ich bin ja in Hannover aufgewachsen. In dieser Stadt gibt es ungeheuer viele Chöre – wahrscheinlich pro Einwohner die höchste Zahl an Chören. Mit meinen Brüdern sang ich länger im berühmten Knabenchor, wo wir uns sehr wohl fühlten. Das war wirklich eine tolle Zeit. In den Pausen konnten wir Fußball spielen, durften dabei aber nicht sprechen, um angeblich unsere Stimme zu schonen. In diesem Chor waren auch Leute, die später Karriere machten und berühmt wurden, wie etwa der Dirigent Ingo Metzmacher. Mit der Musik ging es dann für mich weiter als 3. Geiger in einem Schulorchester. Das war schon der Anfang von der Bratsche, weil ich so schlecht auf der Geige war. Ich bin sehr schnell gewachsen und war sehr faul – eine Mischung, die sich eher für Bratsche als für die Geige eignet, weil man mit diesem Instrument viel intensiver üben muss. Wenn man Bratsche einmal richtig gelernt hat, reicht das für den Rest des Lebens.

Was bedeutet für Sie das Instrument Bratsche – warum haben Sie es gelernt und studiert?

Studiert habe ich das Instrument hier in Düsseldorf, wo es damals mit Jürgen Kussmaul – neben Freiburg – die beste Ausbildung gab. Warum also Bratsche? Bei den Streichinstrumenten sind die wichtigsten Positionen mit Geige und Cello eigentlich schon besetzt. Aber die Bratsche hat von beiden etwas, das Geige und Cello so nicht haben – und das mit einem schönen, nasalen Unterton. Dieses Instrument drückt außerdem ganz viel von dem aus, was meiner Persönlichkeit entspricht – nämlich die Fähigkeit zur Vermittlung. Zum Beispiel in der Kommunikation das Entscheidende zu sagen und das Störende wegzulassen. Der Bratschist muss nach links und nach rechts hören, was die anderen spielen. Die Bratsche hat wenige virtuose Elemente und muss – gerade auch zwischen Cello und Geige – eher vermitteln als solistisch glänzen.

Was fasziniert Sie an der journalistischen Tätigkeit – und warum haben Sie dieses Fach studiert und praktiziert?

Journalismus war und ist für mich kein Zusatzgeschäft zur Musik, sondern ich betreibe ihn wegen der Musik! Schon während meines Studiums hier in Düsseldorf begann ich für die Rheinische Post zu schreiben. Damals war Wolfram Goertz in seinem ersten Jahr als Redakteur. Am Ende meines Musik-Studiums und meines Aufenthaltes hier in der Stadt hat er mir übrigens mit seiner schönen Handschrift ein kleines Zeugnis ausgestellt, in welchem er mir „flüssige Formulierungsgabe“ bescheinigte! Das waren immerhin meine ersten Anfänge im Journalismus. Ich sollte vielleicht dazu sagen, dass ich nicht so sehr aus einer Musikerfamilie, sondern eher aus einer Musik-Pädagogen-Familie stamme.

Was heißt das?

Mein Vater war Leiter der Schulmusik-Abteilung an der Musikhochschule Hannover und später deren Präsident. Und meine Mutter betrieb ein Projekt, das sich „Erweiterter Musikunterricht an Grundschulen“ nannte. Sie hatte hier u.a. die Kinderoper „Pollicino“ (1980) von Hans Werner Henze mit ihm zusammen vorbereitet und aufgeführt. Meine Mutter würde ich als eine „Vermittlungs-Königin“ bezeichnen. Aufgrund ihrer besonderen Biografie hatte sie es gelernt, sich klar auszudrücken und damit eine möglichst große Zielgruppe zu erreichen.

 
Nach dem Stimmen folgte ein Solo-Duo in G-Dur KV 423 von Mozart, gespielt von Dragos Manza (1. Konzertmeister der Düsseldorfer Symphoniker, Foto links) und Michael Becker (Intendant der Tonhalle; Bratsche).

Hatte das Konsequenzen für Sie?

Diese Haltung hat mich immer sehr fasziniert und interessiert – oft vor dem Hintergrund meiner eigenen Zeitungslektüre, wenn ich nicht verstand, was da stand, weil es so furchtbar umständlich formuliert war! Britische Musikkritiken sind da viel unterhaltsamer und verständlicher, indem sie das in der deutschen Presse oft angesagte intellektuelle, selbstgefällige Gesäusel nicht praktizieren. Im Journalistik-Studium habe ich dann den Grundsatz gelernt: Ein Satz darf nicht mehr als dreizehn Worte haben. Das klingt vielleicht etwas rigide – aber es stimmt! Mit fehlender Rücksicht auf ganz normale Leser werden hier doch oft immer wieder auch potentiell interessierte Leser abgeschreckt und ausgeschlossen! Drum war und ist es mein Ziel, so viel es geht, über Musik zu kommunizieren und dabei so viele Leute wie möglich zu erreichen! Das Gute an meinem Journalistik-Studium war auch, dass man dort – es ist ja eine Hochschule – eine Aufnahmeprüfung machen musste.

Wie haben Sie Ihr Journalistik-Studium erlebt?

Die Bewerber und späteren Studenten (immer ca. 20) kamen aus den verschiedensten Berufen und waren meist tolle Leute – wie etwa ein Autoschrauber von Mercedes oder auch eingefleischte Germanisten. Das habe ich sehr genossen, weil es wieder „wie Schule“ war. Im Rahmen dieser Ausbildung erhielt ich vom Norddeutschen Rundfunk den Auftrag, eine 30-minütige Sendung über den bekannten, 2007 verstorbenen Komponisten Karlheinz Stockhausen zu machen. Diese Arbeit habe ich bei uns an der Musikhochschule Hannover vorproduziert und hingeschickt. Der NDR-Redakteur hat sie sofort durchgewunken. Aber meine Kommilitonen sagten: Ist bestimmt super, aber wir verstehen kein Wort! Das war ein Erweckungserlebnis, indem mir schlagartig klar wurde, dass ich in einer Musiker- bzw. Musikpädagogen-Blase aufgewachsen war, die mit der „Welt da draußen“ nicht so viel zu tun hatte. Also musste ich herausfinden, wie ich mich dem Publikum gegenüber verständlich machen kann. Mit aufgebaut habe ich dann etwa „MDR Figaro“, den Klassiksender des Mitteldeutschen Rundfunks, ganz kurz nach der Wende. Dies war eine fantastische Art, bezahlt zu lernen!

Beschreiben Sie kurz Ihre ersten beruflichen Erfahrungen als Musiker und Journalist!

Ich hatte das Riesenglück, in beiden Berufen schon während des Studiums arbeiten zu können. Da greift noch der Welpenschutz, und gleichzeitig kommen Sie sehr früh in ein professionelles Umfeld. Ich habe komplett blauäugig Interviews mit Peter Ustinov oder Desmond Tutu geführt und in einem Kammerorchester eine „Bach-Amerika-Tournee“ mitgespielt, ohne zu wissen wie man „Barock“ schreibt. Aber – da kommt der Bratscher wieder durch – ich habe sehr schnell gelernt und mich eingefügt.

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, 2007 Intendant der Tonhalle Düsseldorf und der Düsseldorfer Symphoniker zu werden? Was macht ein Intendant – im Unterschied zum Musikvermittler und zum Journalisten?

Klare Antwort: Zwischen einem Musikvermittler, einem Journalisten und einem Intendanten gibt es – nach meiner Auffassung – überhaupt keinen grundlegenden Unterschied! Das einzige Problem ist, dass Sie als Intendant mehr Verantwortung haben. Nun, früher hatte ich noch ein anderes Verständnis von einem Intendanten. Das waren ältere, reifere Herren, die sich ziemlich unauffällig gaben und nur selten – meist zum Jahreswechsel – in einer feierlichen Ansprache an die Öffentlichkeit traten. Dieses Bild dürfte sich heute längst überholt haben. Denn heute ist ein Intendant – egal ob im Rundfunk, Theater, Oper, Konzerthaus – einfach ein Vermittler, der ein möglichst in sich stimmiges Konzept erarbeitet, das am Ende einer möglichst großen Gruppe von potentiellen Besucherinnen und Besuchern entgegenkommen muss. Das muss denen gefallen! Und nicht nur gefallen, weil da die kleine Nachtmusik gespielt wird, sondern gefallen, weil es als Türöffner für möglichst viele Leute mit etwas bisher Unbekanntem, Wertvollem und Kostbarem verbunden ist. Weil es nicht Null-Acht-Fünfzehn ist! Diesen Prozess in Gang zu setzen und zu steuern, das dürfte für einen Intendanten heute die größte Herausforderung sein.

 
Die Konzertpianistin Alina Bercu brillierte unter anderem mit Sergei Rachmaninows „Liebesfreud“ für Klavier-Solo nach Fritz Kreislers originaler, gleichnamiger Komposition.

Wie haben Sie diese Erkenntnis hier in Düsseldorf umgesetzt?

Als ich in Düsseldorf anfing, traf ich auf ein Mitarbeiter-Team, das deutlich länger hier ist als ich selbst. Darunter sind z. B. zwei Musik-Pädagoginnen (Ariane Stern und Stephanie Riemenschneider), die damals pro Saison 4 Familienkonzerte konzipierten. Heute sind das 100 verschiedene Konzerte mit ganz spezieller Alters-Ausrichtung! Man kann – auch in einer Familie – niemals davon ausgehen, dass sich alle für dieselben Themen interessieren. Das kann nicht gutgehen. Da bekommen Sie aber jetzt eine Ahnung von dem, was diese beiden Frauen seit 2007 an „Briketts“ draufgelegt haben. So kam das Konzept „Tonhalle 0 bis 100“ zustande! Dabei habe ich sehr viel gelernt.

Wie kamen Sie auf das Konzept „Tonhalle 0 bis 100“?

Eigentlich aus der Vermutung heraus, dass Menschen bis ins hohe Alter wissbegierig, neugierig und lernfähig sind. Mit neun oder zehn Jahren wird in der Vermittlung von grundsätzlichen Dingen eigentlich schon Schluss gemacht – sieht man einmal davon ab, wenn jemand eine Ausbildung oder ein Studium absolviert. Diese Tatsache und Erkenntnis wird viel zu wenig erkannt und genutzt. Früher war es doch oft so, dass wir – das Publikum – ins Konzert gingen, weil der Apotheker, der Lehrer oder der Pfarrer ins Konzert gingen. Man ging also dorthin, weil es sich – aus einem gewissen gesellschaftlichen Druck – so gehörte, weil man gesehen wurde und gesehen werden wollte. Die Musik war nicht der Auslöser.

Gab es einen Wechsel von den Spieß- zu den Spaßbürgern?

Diese Haltung wurde dann abgelöst von dem Event-Gedanken, dass man etwa ins Konzert mit Häppchen und Champagner zu den Drei Tenören ging oder zum Musical „Phantom der Oper“ nach Hamburg fuhr. Gut, besser als nichts. Das Problem ist nur, dass sich dabei zwei doch sehr gegensätzliche, gar verfeindete Welten gegenüberstanden. Und man im Endeffekt einen Lagerwechsel vornehmen musste. Also eine Entscheidung treffen musste für das, was einem emotional viel näher lag. Das war nicht das, wo man nicht wusste, wann man nun klatschen darf. Oder wenn der Bürgermeister schaute, ob man nun da ist oder nicht. Diese Leute (ca. 95%) nenne ich einmal etwas salopp „WDR 2-Generation“, die mit Popmusik vertraut sind, mit klassischer Musik aber nichts am Hut haben, weil die ihnen gar nicht oder nur schlecht vermittelt wurde.

Welche Folgen hatte diese Erfahrung für Sie?

Aus dieser Erkenntnis haben wir ein paar Kriterien herausgearbeitet, die notwendig sind, um ein Publikum dauerhaft zu gewinnen, ohne das vorhandene Publikum loszuwerden. Schaut man in die Elbphilharmonie Hamburg, so ist das durchweg eine gewisse Kunst, weil die alteingesessenen Konzertbesucher extrem angezickt sind, da (nicht nur dort, aber aktuell natürlich verstärkt) mittlerweile auch Leute ins Konzert gehen, die rumquatschen, rein- und rausgehen, an x-beliebigen Stellen klatschen, oder ihre Handys zum Fotografieren hochhalten. Es ist nun wirklich nicht einfach, diese beiden Publika in einer einzigen Veranstaltung zusammen zu bringen. Das ist aber genau das, was diese Formel „Tonhalle 0 bis 100“ ausdrücken soll.

Was bedeutet die Formel „Tonhalle 0 bis 100“?

Das heißt, für jedes Alter soll eine spezifische Vermittlung stattfinden. Nicht nur für die unterschiedlichen Altersgruppen von Kindern. Sondern auch für Erwachsene etwa in der Reihe „Ehring geht ins Konzert“, in der ein Kabarettist mit einem großen musikalischen Verständnis die Veranstaltung moderiert. Diese Konzerte haben durchaus 30–45 Minuten Sprachanteil. Hier kommt Tagespolitik zur Sprache. So dass, wenn man rauskommt, man sagen kann: Wusste ich alles schon, hat er aber schön erklärt. Oder eben: Wusste ich gar nicht, super! Das ist für mich als Intendant das Ideal! Ich will ja nicht das Rad neu erfinden, sondern dass die Leute vielleicht das – also die klassische Musik – was die anderen Leute (5%) lieben, auch zu lieben beginnen.

Erklären Sie bitte den Slogan „Einfach fühlen!“

Das Problem ist, dass die Musik, in unserer Art zu lernen, viel zu viel mit dem Verstand zu tun hat. Wenn ich etwa rüber zu Thomas Blomenkamp schaue, der ein hervorragender Komponist ist, den man sicher nicht als einen un-anhörbaren „Stacheldraht-Avantgardisten“ bezeichnen würde. Er hat wie jeder andere Komponist auch die Schwierigkeit, in Deutschland vermitteln zu müssen: Hey, meine Musik lässt sich sehr gut hören! Das heißt nicht, dass sie eine terzen-selige, rückgewandte oder eine Rachmaninow-selige Musik ist, sondern eine ganz eigene und eigentümliche Klangwelt darstellt. Es gibt von ihm ein wunderschönes Bratschen-Konzert, das wir einmal aufgeführt haben und das ich gerne selbst gespielt hätte. Das deutsche Publikum hat über Jahrzehnte vermittelt bekommen, dass Neue Musik erhebliches Wissen voraussetzt. Dass man sie „verstehen“ muss.

 
Dragos Manza und Alina Bercu spielten Stücke von Enescu, de Falla und Bartok; Michael Becker spielte Bratsche – und assistierte auch mit Noten-Blättern.

Haben hier staatliche Förderungen möglicherweise das Gegenteil bewirkt?

Leider wurde angesichts staatlicher Förderungen von avantgardistischer und höchst intellektueller Musik das Publikum völlig übersehen. Wenn in der hohen Zeit der Deutschen Avantgarde ein Komponist einen C-Dur-Akkord spielte, konnte es ihm leicht passieren, als Nazi abgestempelt zu werden. Komponisten, die einfach nur schöne Musik schreiben oder geschrieben haben, leiden massiv unter diesem Querstand. Das ist aber der Punkt, dass der Slogan „Einfach fühlen“ die auch schul-übliche Analyse-Wut aufbrechen soll zugunsten einer gesamt emotional-verstandesmäßigen Begegnung mit Musik und erst recht zeitgenössischer Musik. Bei „Einfach fühlen“ liegt der Akzent besonders auf „einfach“ und auf dem Empfinden und dem Nicht-Erklärbaren. Wir können es zwar erklären, aber wir wollen das nicht immer. Denn der Ansatz eines Komponisten ist doch meist: Ich möchte Dich weniger hier – im Kopf – erreichen als hier: im Herzen.

Könnte man das OTON-Magazin auch als Zeitgeist-Analyse und Musikprogramm verstehen?

Das genau ist die Absicht. Wir verstehen die Tonhalle nicht als Abspieltheater von reisenden Virtuosen. Wir haben eine Sicht der Dinge, eine Haltung und viele Fragen. Die drücken sich über den großen redaktionellen Anteil unserer Publikationen aus.

Was versprechen Sie sich von der Tonhalle als „gGmbH“?

Die gGmbH ist für uns alle ausschließlich ein organisations-formales Thema. Es geht vor allem um Planungszeiträume, die sich wesentlich von den Ansätzen einer städtischen Verwaltung unterscheiden. Die Tonhalle ist da immer ein exotisches Tierchen gewesen.

Wie unterscheidet sich das Profil der Tonhalle von den Konzerthäusern in der Umgebung: Essen, Dortmund, Bochum, Wuppertal, Köln, Hamburg, Tokyo, Moskau, Mailand, New York, Gummersbach?

Die Aufgabe eines Konzerthauses besteht darin, neben den Stars, die wir alle hinlänglich aus der Werbung kennen, dem Gemeinwesen nachzuspüren, zu dem es gehört. „Spiegel der Stadtgesellschaft“, das ist auch unser Job. Hier unterscheiden wir uns zwangsläufig voneinander. Dazu kommen wunderschöne Besonderheiten wie eine traumhafte Architektur und ein erstklassiges Orchester. Das haben ja die wenigsten Konzerthäuser.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft?

Es wird mir kaum einer glauben: Aber ich lebe so intensiv in meiner beruflichen (und auch privaten) Gegenwart, dass ich kaum Zeit habe, an die Zukunft zu denken! Im Sinne einer Karriere habe ich mir darüber eigentlich auch nie Gedanken gemacht. Ich bin total glücklich hier. Das gilt auch für meine Familie. Abgesehen davon ist Düsseldorf ebenso eine glückliche Stadt, die wirtschaftlich prosperiert. Die Stadt ist überschaubar und hat eine unglaublich gute demografische Besetzung, weil hier ungeheuer viele Menschen aus vielerlei Städten und Ländern kommen, die diese rheinisch-freiheitliche, offene Bodenständigkeit teilen, lieben und praktizieren. Dann muss man hier ja nicht weggehen!

Das Interview führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Fotos: Thomas Kalk.

 
Michael Becker und Hartwig Frankenberg bei „Musik im Gespräch!“ am 25. September 2018 in der Musikbibliothek Düsseldorf.

INTERVIEWREIHE „MUSIK IM GESPRÄCH“: WEITERE TERMINE 2018 / 2019

Zeit: 20:00 Uhr

Ort: Zentralbibliothek / Musikbibliothek / Lesefenster

Bertha-von-Suttner-Platz 1
40227 Düsseldorf


Dr. Hella Bartnig, Chefdramaturgin Deutsche Oper am Rhein

Prof. Thomas Leander, Prorektor Robert Schumann Hochschule Düsseldorf

Miro Dobrowolny, Komponist und Dirigent

Julia Polziehn, Cellistin, Dozentin, Regisseurin

Christel Paschke-Sander, Vorsitzende Chorverband Düsseldorf

Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführende Direktorin Deutsche Oper am Rhein

Constanze Pitz, Künstlerische Leiterin des Clara-Schumann-Kammerchores Düsseldorf