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Das Interview

„Musik im Gespräch!“

Julia Polziehn: „Mein Leben ist das Ergebnis zahlloser Zufälle, die aus scheinbar unzusammenhängenden Fähigkeiten eine sinnvolle Möglichkeit schaffen!“

Julia Polziehn: „Mein Leben ist das Ergebnis zahlloser Zufälle, die aus scheinbar unzusammenhängenden Fähigkeiten eine sinnvolle Möglichkeit schaffen!“

 
Julia Polziehn, Cellistin, Dozentin, Regisseurin – erzählte am 28. Mai im Gespräch in der Musikbibliothek über ihre beruflichen Leidenschaften und Erfolge. Außerdem sorgte sie mit solistischen Cello-Stücken für die musikalische Umrahmung des Abends.

Interviewgast:

Die in Düsseldorf als Tochter einer Schauspielerin und eines Kunsthistorikers geborene Cellistin Julia Polziehn machte früh angeregt durch die kulturelle Prägung ihres Elternhauses bereits im Alter von vier Jahren ihre ersten musikalischen Erfahrungen. Sie wählte mit fünf Jahren selbstbewusst das Cello als ihr Medium, um sich künstlerisch auszudrücken. Als Ergänzung folgten das Klavier sowie erste Versuche und Erfahrungen mit Kammermusik und Orchester. Schon vor dem Abitur erhielt sie als Jungstudentin Cello-Unterricht bei Prof. Maria Kliegel an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, wo sie ebenso ihr Studium mit der künstlerischen Reifeprüfung ablegte. Es folgten spezialisierende Studien für Kammermusik (u. a. Alban-Berg-Quartett), Seminare für Jazzensemble-Spiel und Improvisation sowie eine Opern-Regieassistenz-Ausbildung. Mit dem Kammermusik-Konzertexamen an der Musikhochschule Hannover (Prof. Klaus Heitz, Prof. Elsbeth Moser) schloss sie ihr Studium ab.

Nach Wettbewerben und Meisterkursen zeigt sie ihr Können nicht nur im Rahmen ihrer Konzerttätigkeit, sondern beteiligt sich an der Förderung von früh- und hochbegabten Kindern und Jugendlichen. Zahlreiche ihrer Schüler studieren heute Musik oder haben Stellen in Orchestern, an Musikhochschulen, Musik- oder weiterführenden Schulen. Darüber hinaus widmet sie sich der Weiterbildung interessierter Konzertbesucher (inklusive Senioren), indem sie neue Wege des Hörens vermittelt. Als Solistin konzertierte sie u. a. mit dem Kammerorchester Kaarst und war als Solocellistin aushilfsweise bei den Niederrheinischen Sinfonikern und lange Jahre bei der Düsseldorfer Camerata Louis Spohr tätig. Heute liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit in den Bereichen Kammermusik, Musikvermittlung, Cellounterricht und Kinder- und Jugend-Musiktheater. Seit 2012 arbeitet Julia Polziehn als Lehrerin an der Musikschule der Stadt Krefeld, leitet dort eine Cello- und Kammermusikklasse, das Cello-Orchester CELLISSIMO sowie das Musiktheater. www.julia-polziehn.com


Musikalische Umrahmung:

J. S. Bach (1685–1750): Suite II BWV 1008 „Prélude“

Max Reger (1873–1916): Suite II Opus 131 c

Gaspar Cassadó (1897–1966): Suite per Violoncello solo „Preludio – Fantasia“

Jan Freidlin (1944*): Mediterranean Suite für Violoncello solo – Israeli Scene

Lucio Amanti (1977*): Jazz Suite für Violoncello solo – Groove I / II


Interview mit Julia Polziehn:

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

In meinem Elternhaus gab es immer Musik, so dass ich mich nicht an ein direktes Urerlebnis erinnern kann. Meine Mutter führte uns Kinder mit Schallplatten, die klassische Musik kindgerecht erklärten oder solchen, die spannende Geschichten über die großen Komponisten erzählten mit viel Spaß und pädagogischem Geschick in die große weite Welt der Töne ein. Die erste Begegnung mit dem Cello ist mir allerdings im Gedächtnis geblieben. Sie fand an einem „Tag der offenen Tür“ in der Krefelder Musikschule statt. Unter anderem konnte ich bei einer Unterrichtsstunde meiner späteren Cello-Lehrerin Ursula Selge-Rolle zuhören – und von dem, was ich da hörte und erlebte, war ich begeistert! Dies war der unmittelbare Auslöser für meinen Wunsch, das Instrument Cello spielen zu lernen. Der Klang und das, was das Cello mit einem macht, waren und sind einfach faszinierend! An diesem Tag durfte ich einem Viertelcello meine ersten Töne entlocken. Für mich war die Sache klar! Da es damals unmittelbar keinen freien Platz an der Musikschule für mich gab, wurde ich auf eine Warteliste gesetzt. Mit diesem Zustand war ich derart unzufrieden, dass meine Mutter auf mein Drängen hin nach einigen Tagen Kontakt mit Frau Selge-Rolle aufnahm und ich kurze Zeit später meinen ersten Cellounterricht zunächst privat bei ihr erhielt.

Gibt es da nicht auch eine Szene, in der eine Katze im Cello-Kasten ihre Jungen zur Welt gebracht hatte?

Ja, das war im Haus meiner Cello-Lehrerin. Ihr Mann war Solo-Cellist bei den Niederrheinischen Sinfonikern. Das Haus der Selges war ein richtiges „Künstlerhaus“. Und eines Tages hatte eine ihrer Katzen in einem geöffneten, leeren Cello-Kasten, der im Inneren mit feierlich-rotem Samt ausgeschlagen war, ihre Jungen zur Welt gebracht. Zumindest ist das meiner mit lebhafter Fantasie gesegneten Erinnerung nach so gewesen. Meine Mutter erinnert sich eher an den wunderschönen Kasten, der mich stark beeindruckte und die Geburt der kleinen Katzenjungen in nicht direktem Zusammenhang… Wie auch immer es genau gewesen ist: Von da an hatte der Cellounterricht neben dem eigentlichen Ziel, das Instrument zu erlernen einen weiteren Anreiz: das Katzenkraulen. Nach Konzerten waren wir manchmal bei Selges zum Feiern eingeladen. Diese Abende waren ohnehin schon wunderbar, wurden aber durch den Umstand, dass es einen echten Flipper im Haus gab, zum Fest! Ich habe also früh erlebt, dass Musik viel mit Geselligkeit, Gemeinschaft, Freude, Lebendigkeit und auch Kreatürlichkeit zu tun hat.

Wie verlief Ihre musikalische Entwicklung dann weiter?

Da meine Eltern zwar begeisterte Konzertbesucher und Hörer waren, aber selbst keine Musik praktisch ausübten, war ich beim Üben früh auf mich allein gestellt, was sich im Nachhinein als äußerst vorteilhaft erwiesen hat. Nach meinen ersten von meiner Mutter mit großer Begeisterung, Geduld und Konsequenz begleiteten Lernerfolgen hatte ich ihre Möglichkeiten, mir beim Weiterkommen zu helfen, bald ausgeschöpft. So kam es, dass ich unter der Anleitung von Frau Selge-Rolle rasch lernte, selbständig und konzentriert zu arbeiten, denn eines stand für mich sehr früh fest: Ich werde Cellistin! Weil ich das sehr ernst nahm, habe ich auf den Hinweis hin, man müsse für ein Cellostudium auch Klavierspielen können, mit sieben Jahren den Klavierunterricht an der Musikschule aufgenommen. Meine Leidenschaft für das Cello war zugegebenermaßen wesentlich größer als die fürs Klavier und so nutzte ich während meiner Übe-Einheiten den Klavierhocker gerne als Turngerät, schließlich war ich neben meinen musikalischen Ambitionen auch eine begeisterte Sportlerin.

Welche weiteren Personen haben Sie bei Ihrer musikalischen Erziehung unterstützt?

Stark geprägt hat meine Art Cello zu spielen, Musik zu denken und zu fühlen sicherlich die Tatsache, dass mein Vater sehr viel mit mir gesungen hat. Er war ein leidenschaftlicher und sehr guter Sänger und so sangen wir beide lauthals zu allen Gelegenheiten: Beim Wandern, Radeln, Renovieren und der Gartenarbeit. Als ich neun Jahre alt war, gründete A. van Megen (selbst Amadeus-Quartett-Schülerin) ein Quartett mit drei ihrer Schüler und mir. Nach einer ersten Erprobungsphase hatten wir in unveränderter Besetzung viele Jahre wöchentlichen Unterricht bei ihr. Wir nutzten von Anfang an jede Gelegenheit, um aufzutreten, nahmen an Wettbewerben teil und kochten in den Pausen der langen Probenwochenenden manchmal gemeinsam mit unserer Mentorin. So etwas gab es damals im Grunde nirgends, und ich bin ihr bis heute für diese Chance dankbar, denn damit hat sie den Grundstein für Vieles gelegt, was mir musikalisch „geschah“ und mir bis heute wichtig ist.

Welche Rolle spielten dabei vielleicht auch gewisse Zufälle?

Ich erwähnte ja bereits anfangs, dass Zufälle in meinem Leben eine sehr große Rolle gespielt haben und hoffentlich auch weiter spielen werden. Denn wenn man sie zu nehmen versteht und sich auf sie einlässt, können die kleinsten zufälligen Begebenheiten die Türen zu ungeahnten Räumen, Bekanntschaften, Erlebnissen und Möglichkeiten öffnen. Meine Eltern hatten keine Vorstellung davon, was man „anstellen“ muss, um eine erfolgreiche Cellistin zu werden, und ich bin ihnen zutiefst dankbar, dass sie mich immer unterstützt, aber nie zu etwas gedrängt oder unter Erfolgsdruck gesetzt haben. Ich traf stets meine eigenen Entscheidungen, was ich mit meinem Talent anfangen wollte und wo meine Reise hingehen sollte. Viele wunderbare Menschen haben meine musikalischen Wege gekreuzt, und weil ich immer neugierig war, gerne gearbeitet und stets alles gegeben habe, was mir möglich war, haben sich aus diesen Begegnungen großartige Chancen entwickelt.

 
Julia Polziehn mit ihrem Cello: Schon ihre Mimik drückt ihr gefühlvolles und hingebungsvolles Spiel aus.

Nennen Sie ein paar typische Beispiele Ihrer Zufälle!

Ich war Solocellistin im Landesjugend- und im Landesjugend-Kammerorchester und schließlich im Bundesjugendorchester, ohne je ein Probespiel absolviert zu haben, um in eines dieser Orchester aufgenommen zu werden! Es geschah stets auf die Empfehlung einer meiner „Begegnungen“ hin. Ein Juror beim Bundeswettbewerb von “Jugend musiziert“, Prof. Klaus Heitz (bei ihm studierte ich viele Jahre später und schloss in Hannover mein Konzertexamen ab), empfahl mir im Jurygespräch, Prof. Maria Kliegel vorzuspielen, die sei in seinen Augen genau die Richtige für mich. Also besuchte ich mit meiner Mutter ein Konzert von ihr, fand, dass sie umwerfend Cello spielte und fuhr eines Tages vollkommen unbelastet nach Köln, um ihr vorzuspielen. Weder meine Mutter noch ich hatten eine Vorstellung, was aus dieser Sache werden könnte.

Was war das Besondere am Unterricht bei Maria Kliegel in Köln?

Kurze Zeit nach meinem Vorspiel wurde ich Jungstudentin an der Kölner Musikhochschule und stolzes Mitglied der Celloklasse von Maria Kliegel. Sie lehrte mich, jedes kleinste Detail zu durchdringen und zu hinterfragen, sich im Arbeitsprozess stets zu „misstrauen“ und dann im Konzert alles zu vergessen und den Augenblick zu leben und zu genießen. Freiheit im Vortrag durch unbedingte Disziplin in der Vorbereitung darauf. Das Studium bei ihr war ein langer, harter Weg und ich bin ihr zu tiefstem Dank verbunden, dass sie ihn mir gezeigt und beim Spurhalten geholfen hat.

Was ist für Sie das Besondere am Cello-Klang – damals und heute?

Zu Beginn begeisterte mich das Instrument vor allem, weil man damit so wunderschön singen, erzählen und Stimmen imitieren kann – ohne konkret zu werden. Denn wenn ich meinen Job als Cellistin gut mache, spricht es zum Publikum, ganz ohne Worte und doch unmissverständlich in Farbe und Ausdruck. Der Tonumfang des Cellos entspricht, auch von den Klangfarben und Frequenzen her gesehen dem Stimmumfang aller menschlichen Gesangs- und Sprechstimmen zusammen. Die Register gehen vom Bass bis zum Sopran, was ich von Anfang an als sehr faszinierend empfand und auch heute noch so empfinde. Sprache im Allgemeinen und natürlich das klare und deutliche Sprechen war bei uns zu Hause ohnehin von zentraler Bedeutung, schließlich war meine Mutter Schauspielerin und Rundfunksprecherin, und mein Vater besaß eine der interessantesten Bibliotheken, die ich mir vorstellen kann. Wenn ich im Wohnzimmer übte, erschien mir die große Bücherwand oftmals wie ein überdimensionales geheimnisvolles Gemälde, hinter dem sich ein Schatz verbirgt. Cellospielen hat sehr viel mit Fantasie, Sprache, Sprechen und Erzählen zu tun!

Hat nicht Beethoven dafür gesorgt, dass das Cello in der Musik eine größere Bedeutung erhielt?

Das kann man so sagen – andererseits hat Beethoven das Cello dazu „benutzt“, das Klavier besser klingen zu lassen. Die Instrumente waren damals klanglich weit von dem entfernt, was wir heute mit einem farbenreichen und brillanten Klavierklang assoziieren. Besonders den Diskantklang muss der Meister als sehr unvollkommen empfunden haben. Wenn man sich die Cello-Sonaten von Beethoven genauer anhört, stellt man fest, dass die übliche Rollenverteilung von Melodie- und Harmonieinstrument weitgehend aufgehoben wird. Das Cello bedient Bassfunktionen, Mittelstimmen und auch melodische Strukturen. Man könnte sagen, dass der Komponist das Klavier dem Cello den eigenen Wohlklang ein Stück weit „stehlen“ lässt, indem es sich seiner Obertöne bedient. Zum Ausdruck kommt dies z. B. auch in dem berühmten Tripelkonzert für Klavier, Violine, Cello und Orchester (C-Dur op. 56). Hier bietet das Cello oft die klangliche Basis für die beiden anderen Soloinstrumente. Musikgeschichtlich gesehen, war Bach derjenige, der dem Cello als Soloinstrument zum Durchbruch verhalf und seine Position im „Instrumenten-Karussell“ deutlich nach vorne beförderte, indem er die Möglichkeiten der Scheinpolyphonie zur Perfektion entwickelte. Beethoven hat das Cello darüber hinaus als Instrument einzusetzen gewusst, um dem Zusammenspiel verschiedener Instrumente eine Klangbasis zu geben. Er hat es sozusagen als „Soundverstärker“ genutzt.

Sie unterrichten seit 2012 an der Musikschule Krefeld – aber haben sicher auch schon früher Unterricht gegeben? Was gefällt Ihnen an dieser Tätigkeit?

Meine erste Schülerin habe ich unterrichtet, ehe ich mein reguläres Vollstudium in Köln begann, ich war nicht viel älter als sie. Nach meiner Reifeprüfung gab mir Maria Kliegel die große Chance, als Assistentin für sie jungen Talenten studienvorbereitenden Unterricht zu erteilen und auf die Aufnahmeprüfung als Jung- oder Vollstudenten sowie die Teilnahme an den Wettbewerben „Jugend musiziert“ vorzubereiten. Das hat mein Interesse an Musikvermittlung im Allgemeinen und dem Unterrichten im Speziellen geweckt. Generell kann man sagen, dass es mir von früher Kindheit an Freude gemacht hat, Menschen zu unterhalten, meine Meinung zu äußern und andere zu animieren, bei „einer Sache dabei zu sein“, von der ich selber absolut überzeugt bin.

Können Sie beschreiben, wie sich Ihr pädagogisches Geschick auswirkt?

Die Schlagworte sind: Eigene Begeisterung, Überzeugung, Motivation, Respekt vor dem Gegenüber und Freude! Es bedeutet mir sehr viel, (junge) Menschen für das Cello zu begeistern und ihnen ihren Weg und ihre Möglichkeiten mit dem Instrument aufzuzeigen und sie Demut vor der Komposition zu lehren. Es ist spannend zu erleben, wie sie ihre eigene Tonsprache entdecken, und es macht großen Spaß mitzuerleben, wie sie ihre Stimme allmählich entwickeln, wie ihre Technik sich verbessert und sie neue Klangräume erobern. Es besteht schließlich ein Verhältnis der freundlichen, freundschaftlichen Bestimmtheit zwischen mir und meinen Schülern, was beide Seiten sehr schätzen. Emotional bin ich meinen Schülern sehr nahe und nehme sie gerne schon mal „mit zu mir nach Hause“. Unterrichten ist eine Form der Kommunikation, bei der es um Achtsamkeit und Aufmerksamkeit geht. Die gemeinsame Arbeit rund um das Cello im Sinne der Musik ist ein ständiges Geben und Nehmen, bei dem ich im Unterricht den Ton angebe, die Ideen und Bedürfnisse des Schülers aber nie aus den Augen zu verlieren versuche.

Sie haben vor genau zehn Jahren ein Cello-Orchester mit dem Namen „CELLISSIMO“ gegründet. Was ist das Besondere daran?

CELLISSIMO entstand aus meinem 2009 ins Leben gerufenen Projekt „Musik von Kindern für Kinder“. Das erste Konzert mit Schülern meiner damaligen Cello- und Kammermusik-Klasse fand im Stadttheater Krefeld zugunsten des Vereines „Sonne, Mond und Sterne“ statt. Daraus entwickelte sich eine intensive musikalische und menschliche Zusammenarbeit, die auf hohem kammermusikalischem Niveau die Idee der ersten Stunde: „Gemeinsames Musizieren, um etwas zu bewegen“ auch nach zehn Jahren in erweiterter Besetzung fest im Blick hat. CELLISSIMO besteht zur Zeit aus 25 Spielern – Kindern, Jugendlichen und auch einigen Erwachsenen. Das Orchester hat 2016 in Ulm den 1. Preis beim Deutschen Orchesterwettbewerb gewonnen, was eine große und großartige Gemeinschaftsleistung war! Mittlerweile umfasst das Repertoire des Ensembles nicht nur klassische Musik, sondern auch Jazz, Latin, Folk und Rock. Das eigentlich Besondere ist neben dem imposanten Anblick und Klang, den 25 Cellisten bieten, die menschliche Gemeinschaft und die gemeinsame Suche nach immer neuen Möglichkeiten. Nach einem Dirigier-Kurs bei Prof. Karl-Heinz Bloemecke habe ich das Orchester eine Weile dirigiert, um auszuprobieren, was ich gelernt hatte, bin aber dazu zurückgekehrt, selber mitzuspielen und die Spieler dadurch zu Achtsamkeit, zum „Aufeinanderhören“ und zur Kommunikation während des Musizierens zu „zwingen“. So ist im Laufe der Zeit ein einzigartiger Ensembleklang entstanden.

Zur Zeit proben Sie ein Kinder-Musical mit dem Titel „Wilmas Büdchen“– wann ist Premiere?

Premiere ist am 21. und 22. September in der Musikschule Krefeld mit nachfolgenden Veranstaltungen bis Ende November. Nach den Musicals „Das Geheimnis von La Fenice“ (2016) und „Nora – oder die Suche nach dem Glück“ (2018) ist „Wilmas Büdchen“ nun das dritte Musical, das zusammen mit dem Keyborder und Komponisten Markus Giesen entstand. Das temporeiche, über weite Strecken sehr witzige und zugleich hoch emotionale Stück spielt im Kölner Stadtteil Nippes in und um ein altes Büdchen herum. Vorbild ist ein Büdchen, das es Ende des Zweiten Weltkrieges tatsächlich in Köln gegeben hat. Es diente damals als Nahrungsmittel-Vergabestelle für Kinder und Bedürftige und war eine private Initiative. Im Stück erleben wir dieses Büdchen wie es heute ist: Die Spuren der Zeit sind deutlich zu sehen, der Geist der Anfänge dauert aber auch unter Führung der dritten Generation weiter an, und das Büdchen als soziale Einrichtung erscheint notwendiger denn je.

 
Ein visuelles Markenzeichen: Julia Polziehn lässt nach dem letzten Ton eines Musikstückes seinen Klang noch lange im Raum und beim Publikum schweben.

Wie kann man sich gerade diese Betreuungsarbeit vorstellen?

Viele Kinder und Jugendliche kommen nach der Schule dorthin, machen unter Anleitung ihre Hausaufgaben, bekommen etwas zu Essen und zu Trinken und erhalten so Betreuung. Vor allem aber bietet das Büdchen und seine Betreiber ihnen Raum und Zeit, Kinder zu sein, ihre Sorgen und Ängste loszuwerden und einen Platz zum gemeinsamen Spielen und Toben zu haben. Aber nicht nur den Kindern des Viertels dient diese Einrichtung als tägliche Anlaufstelle, hier trifft sich eine bunte Mischung verschiedenster Charaktere, denen eines gemeinsam ist: „Geld hat hier keiner!“ All diese Menschen bevölkern den kleinen Verkaufsraum und sorgen für mächtig viel Leben in der Bude. Als das Büdchen wegen gravierender Baumängel geschlossen werden soll, regt sich vehementer Widerstand gegen Stadt und Behörden, was seinen Ausdruck u. a. in einer Demo der Kinder zum Rathaus findet. Ob es gelingt, das Büdchen zu retten, soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Wie steht es mit Bühnenbild, Kostümen und Choreografie?

Einen besonderen Reiz unserer Arbeit macht aus, dass wir alle Bühnenbilder und Kostüme in Eigenregie erstellen, d. h. Mitglieder des Jugendensembles kümmern sich weitestgehend selbständig darum. Auch die Choreografien stammen von einem ehemaligen Ensemblemitglied. Das bedeutet jede Menge Arbeit und viel Aufwand, führt aber dazu, dass das Ensemble „Wilmas Büdchen“ als sein eigenes Projekt wahrnimmt und mit großem Einsatz daran arbeitet.

Vor wenigen Tagen fand in Krefeld die Uraufführung eines Stückes statt mit dem Titel „Dreifach ist der Schritt des Herrn van B.“ Möchten Sie uns darüber ein wenig erzählen?

Anlässlich eines Konzertes im Rahmen der Tour de France (2017) hier in Düsseldorf gab es die Uraufführung einer Komposition mit dem Titel „Racing“ für Cello und Akkordeon, bei dem die Musiker neben dem Spiel ihrer Instrumente sprechen, mitunter kräftig fluchen und auch sonst sehr aktiv sind. Das Werk stammt von Theodor Pauß, einem zeitgenössischen Düsseldorfer Komponisten und hat mich auf Anhieb begeistert. Da wir damals bereits planten, mit CELLISSIMO am (übrigens öffentlich stattfindenden) 10. Landesorchesterwettbewerb NRW am 12. und 13. Oktober 2019 in der Wuppertaler Stadthalle teilzunehmen, wandte ich mich im Anschluss an das Konzert an den Komponisten mit der Bitte, ein passendes Stück für uns zu schreiben. Er sagte spontan zu, machte sich an die Arbeit, schickte mir die Partitur Anfang dieses Jahres, so dass die Uraufführung des Werkes mit dem Titel „Dreifach ist der Schritt des Herrn van B.“ am 26. Mai in der Alten Kirche Krefeld sehr erfolgreich stattfinden konnte.

Und wie kann man sich diese Komposition vorstellen?

Theodor Pauß (*1969) verarbeitet darin den Spruch des Konfuzius, den Friedrich Schiller in Versform brachte: "Dreifach ist der Schritt der Zeit" und zitiert schließlich Ludwig van Beethoven mit einem Motiv aus dem 2. Satz seiner 7. Symphonie. Die zehnminütige Komposition verlangt den 25 Cellisten des Orchesters sehr viel ab: Von neuen Spieltechniken über rhythmisch und harmonisch wie melodisch vertrackte Passagen bis hin zur Anforderung, dass sie beim Spielen zu sprechen haben und zwar in zum Notentext abweichenden und somit ergänzenden Rhythmen – manchmal gemeinsam, dann wieder versetzt – in Bruchstücken und sogar rückwärts. Auch einen Rap gilt es zu meistern. Die ersten vier Zeilen des bekannten Textes lauten:

Dreifach ist der Schritt der Zeit:

Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,

Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen.

Ewig still steht die Vergangenheit.

Falls wir in Wuppertal erfolgreich sein sollten, d. h. die höchste Punktwertung aller in unserer Kategorie startenden Ensembles erhalten, haben wir die Möglichkeit, am 10. Deutschen Orchesterwettbewerb teilzunehmen. Diese Jubiläumsausgabe des vom Deutschen Musikrat ausgetragenen musikalischen Wettstreits findet anlässlich eines weiteren Jubiläums – „250 Jahre Beethoven“ – im Mai 2020 in Bonn statt. In Zusammenhang mit dem Austragungsort und dem Beethoven-Jubiläum erklärt sich im Übrigen der Bezug zu Beethoven, auf den bereits der Titel von Theodor Pauß’ Komposition hinweist.

Möchten Sie etwas zu Ihrem Cello sagen? (Frage aus dem Publikum)

Mein Cello wurde Anfang des 20. Jahrhundert in Italien gebaut. Das Instrument hat eine bewegte, berührende und interessante Geschichte hinter sich. Es stammt aus der Werkstatt des Cembalobauers Azzo Rovescalli und fällt durch einige unkonventionelle Konstruktionselemente und sein ungewöhnliches Erscheinungsbild auf. Offensichtlich standen für Rovescalli klangliche Aspekte deutlich mehr im Vordergrund als die äußerlich ansonsten übliche Ästhetik. Das Instrument geriet irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg in die Niederlande, wurde dort versteckt, um es vor Raub und Zerstörung zu bewahren – und vergessen. Ende der neunziger Jahre fand es seinen Weg nach Köln und schließlich zu mir. Seitdem sind wir unzertrennlich und ein ziemlich gutes Team. Ich liebe dieses Instrument!

 
„Eigene Begeisterung, Überzeugung, Motivation, Respekt vor dem Gegenüber und Freude!“ Julia Polziehn bei der Moderation eines Konzertes
(Foto: © Conny Mueller).

Es gibt ein Buch mit Aufsätzen Ihres Vaters, Gerhard Storck, unter dem Titel „Es besteht ein nicht erklärbarer Zusammenhang“. Sie erwähnten, dass dieses Motto auch für Sie eine große Bedeutung hätte?

Mein Vater war übrigens von 1969 bis 1976 Kustos am Kunstmuseum Düsseldorf und hat dort insbesondere eine Sammlung zeitgenössischer Kunst aufgebaut. 1976 wurde er zum Direktor der Kunstmuseen Krefeld ernannt und leitete sie bis 1999. In dem genannten Buch gibt es ein sehr schönes Kapitel über Zufälle, und es ist u. a. dieser Gedanke, der mich damit verbindet: In meinem Leben haben sich, wie gesagt, viele Zufälle ereignet, die zwar meinen verschiedenen Fähigkeiten und Talenten entsprechen, es mir gleichzeitig aber manchmal schwer machten und machen, mich auf das für mich Wesentliche zu fokussieren, um nicht den Überblick zu verlieren. Alles, was ich erreicht habe, entsprach schlussendlich meinen Absichten, aber es gab dabei eben auch sehr viele zufällige Begebenheiten und Begegnungen, die richtungweisend und entscheidend waren. Eine große Karriere hatte ich nie angestrebt, eine solche passt nicht zu mir und dankenswerter Weise haben meine Eltern mich auch nie in diese Richtung gedrängt. Ich habe viel erleben und erfahren dürfen, mit meinem Cello, meiner Musik, aber eben auch auf vielen anderen Ebenen der Kunst und des Lebens. Und seit einiger Zeit habe ich das gute Gefühl, dass sich der Kreis meiner fachlichen Biografie allmählich zu schließen scheint.

Welche Wünsche und Pläne haben Sie für Ihre berufliche Zukunft?

Ich bin gerade dabei, meine Planung für die nächsten 5 Jahre aufzustellen, mit festen und genauen Absichten, darunter das Schreiben weiterer neuer Musiktheater-Stücke und Kompositionen für Cello-Ensemble. Natürlich habe ich auch mit dem Cello-Orchester viel vor und plane Kammermusik-Projekte mit meinen Schülern. Eine CD mit romantischen Piècen für Cello und Klavier und eigene Kammermusik-Konzerte stehen ebenfalls auf dem Plan. Alles in allem wünsche ich mir aber in erster Linie, mehr Zeit für mein privates Leben zu haben und diese mit meinem Mann und meiner Familie zu verbringen.

Das Interview führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Fotos: Thomas Kalk.

Weitere Informationen:

Cover: Dialoge I

Weitere CDs im Verlag Dohr erschienen und erhältlich:

MONOLOG (DCD 036/037)

the touch of piazzolla (DCD014)

Dialoge I

Konzerttermine 2019:

21. und 22. September 2019:

Premiere des Kinder-Musicals „Wilmas Büdchen“

Musikschule Krefeld, Uerdinger Str. 500, 47800 Krefeld

www.musik.krefeld.schulen.net

Telefon: 02151 / 59 00 11

Weitere Aufführungen:

Samstag, 28.09. / 17:00 Uhr

Sonntag, 29.09. / 15:00 Uhr

Samstag, 05.10. / 17:00 Uhr

Sonntag, 06.10. / 15:00 Uhr

Samstag, 16.11. / 17:00 Uhr

Sonntag, 17.11. / 15:00 Uhr

Samstag, 23.11. / 17:00 Uhr

Sonntag, 24.11. / 15:00 Uhr


11. Oktober 2019:

Offene Generalprobe für den Landesorchesterwettbewerb 2019

Ab 17:00 Uhr im Helmut-Mönkemeyer-Saal der Musikschule Krefeld, Uerdinger Straße 500, Krefeld


12. und 13. Oktober 2019:

Öffentlicher Landesorchesterwettbewerb NRW:

Das Wertungsspiel von CELLISSIMO findet statt am 12.10. um 11:00 Uhr im Großen Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal, Johannisberg 40


13. Dezember 2019:

Jazz trifft Klassik mit Julia Polziehn und dem Sollbrüggen-Jazzquartett:

Benefizkonzert zugunsten des Kinderschutzbundes Krefeld

20:00 Uhr Mediothek Krefeld, Theaterplatz

Karten sind beim Kinderschutzbund Krefeld erhältlich, keine Abendkasse!

Buchpublikation:

Julian Heynen (Hrsg.):

Gerhard Storck.

Es besteht ein nicht erklärbarer Zusammenhang.

Texte zur zeitgenössischen Kunst 1973–2007

(Köln 2012)

 
Julia Polziehn und Prof. Dr. Hartwig Frankenberg bei „Musik im Gespräch!“ am 28. Mai 2019 in der Musikbibliothek Düsseldorf.

INTERVIEWREIHE „MUSIK IM GESPRÄCH“: WEITERE TERMINE 2019 / 2020

Zeit: 20:00 Uhr

Ort: Zentralbibliothek / Musikbibliothek / Lesefenster

Bertha-von-Suttner-Platz 1
40227 Düsseldorf


Christel Paschke-Sander, Vorsitzende Chorverband Düsseldorf

Thomas Blomenkamp, Komponist

Constanze Pitz, Künstlerische Leiterin des Clara-Schumann-Kammerchores Düsseldorf

Thorsten Pech, Kantor, Organist und Chorleiter, Künstlerischer Leiter des Bachvereins Düsseldorf

Franz-Josef Birk, Konzertpianist

Martin Wistinghausen, Sänger und Komponist

Dr. Manfred Heidler, Oberstleutnant
Zentrum Militärmusik der Bundeswehr, Bonn

Catriona Böhme, Viola Campanula
Anna Seropian, Klavier