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Das Büdchen – Ersatzbedarf mit Familienanschluss!

Das Büdchen – Ersatzbedarf mit Familienanschluss!

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Wer des Nachts oder spät am Abend bei strömendem Regen in einer fremden Stadt umherirrt und nach dem rechten Weg sucht, kann normalerweise Hilfe und ein offenes Ohr finden, wenn er eines der hell erleuchteten Büdchen (Gleiches gilt meist für Tankstellen!) ansteuert. Büdchen – auch Wasserhäuschen (Frankfurt am Main), Kiosk (das Wort kommt aus dem Orient) oder Trinkhalle genannt (Vorsicht: In Badeorten sind das meist Stationen mit Heilwasser!) – sind jene äußerst willkommenen und nützlichen Konstanten unserer Gesellschaft, wenn man plötzlich nicht mehr weiterweiß – besonders außerhalb der üblichen Ladenschlusszeiten.

Ob Wegbeschreibung, Zigaretten, Zeitungen, Getränke, Backwaren, Kaffee zum Gehen oder Stolpern, Bonbons, Schokolade, Eiscreme, Kopierpapier, Klopapier, Putzmittel, ja sogar auch Briefmarken samt Postservice – die haben einfach alles, inklusive Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft! Wenn man Glück hat, bewahren sie auch Päckchen und Pakete auf, wissen Bescheid, wen man in der Gegend fragen kann, falls man einen fußläufigen Garagenplatz benötigt. Und wenn man dennoch in die Fremde gezogen ist, melden die sich sogar, falls plötzlich der ehemalige Nachbar am früheren Standort das Zeitliche gesegnet hat. Das ist Service!

Von einer solchen Einrichtung im Kölner Stadtteil Nippes, die im Hinterhof zusätzlich eine Art freie und offene Kindertagesstäte (Kita) führt, damit auch familiären Ersatzbedarf liefert und den sozialen Brennpunkt längst zum seelischen Ankerplatz verwandelt hat, ist in einem zeitgenössischen Musical für Kinder die Rede. „Wilmas Büdchen“ – so der Titel – ist ein solches reales Modell, das kein utopisches Hirngespinst darstellt, sondern von der Wirklichkeit komponiert wurde. Wie immer im realen Leben währt das Glück jedoch nicht ewig, sondern droht eines Tages dank behördlicher und kurzsichtiger Gefahr ausgelöscht zu werden. Die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels, besonders die Kinder, laufen dagegen Sturm und leisten erbittert Widerstand. Am Ende wird dann doch noch alles gut – und jeder behält seinen individuellen Platz! Symbolisch eingefangen ist diese Forderung mit den bunten Stühlen, die als Bühnenbild von der Decke hängen – und die Titelseite unseres Heftes zieren!

Das Musical ist komplett bis ins letzte Detail eine Eigenproduktion: Idee und Konzept, Liedtexte und Libretto von „Wilmas Büdchen" stammen aus Kopf und Feder von Julia Polziehn. Sie ist Cellistin, Cello-Lehrerin und als Regisseurin Leiterin des Fachbereichs Musiktheater an der Musikschule Krefeld. Markus Giesen komponierte und arrangierte die Musik dazu. Das Stück ist eine brandaktuelle Inszenierung, deren Premieren für den 21. und 22. September 2019 fest geplant sind.

Mehr über Arbeit und Persönlichkeit von Julia Polziehn konnten die Besucherinnen und Besucher der Reihe „Musik im Gespräch!“ am 28. Mai in der Musikbibliothek erfahren. Sie, liebe Leserinnen und Leser des Konzertkalenders, mag das Interview in dieser Ausgabe gerne daran erinnern, wie wichtig solche Reservate kreativer Menschlichkeit auch gerade heute sind!

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

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Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf