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(11/12 2016)

Zur Not tut's auch eine Papierrolle!

Zur Not tut's auch eine Papierrolle!

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Führungskräfte führen kein leichtes Leben: Wie soll man bloß Hilfskräfte aller Art, Mitarbeiter eines Konzerns, eines mittelständischen Unternehmens, bockige Studenten, müde Angestellte,

eigenwillige Opernsänger oder gar Musiker-Diven eines Star-Orchesters zu Höchstleistungen im besten Sinne ver-führen? Wie lassen sich Menschen so motivieren, dass die Aufführung zum strahlenden Ergebnis eines kreativen Konzeptes wird, das sich vor aller Welt sehen und feiern lassen kann! Um das zu erreichen, nutzen Führungskräfte vielerlei Führungsinstrumente wie Kommunikation auf Augenhöhe, Feedback, Mitarbeiter-Motivation, Gruppendynamik, Zielvereinbarungen, Konfliktmanagement, Personalentwicklung. Dies gilt für Führungsköpfe der Wirtschaft ebenso wie für Dirigenten, Chor- und Orchesterleiter.

Die Führung eines musikalischen Ensembles mittels Taktstock, auch Dirigentenstab genannt, oder freihändig, sind dabei nur die äußerlich sichtbaren Werkzeuge, über die und deren Vorläufer so manche Anekdote berichtet wird. So sollen in Frankreich am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV von den Orchesterleitern reich verzierte Stäbe verwendet worden sein, mit denen der Takt mit aller Kraft auf den Boden gestampft wurde. Der Komponist und Hofmusiker Jean-Baptiste Lully verletzte sich jedoch 1687 während eines Konzertes mit seinem gewichtigen Taktstock den Fuß so schwer, dass er wenig später am Wundbrand verstarb.

Ob der Geiger, Komponist und Dirigent Louis Spohr (1784–1859) deshalb das Verletzungs-Risiko scheute und zu leichteren, weniger gefährlichen Mitteln griff, ist nicht bekannt. Als Dirigent trug er jedoch entschieden zur Entwicklung einer modernen Orchesterkultur bei: Bereits beim Musikfest 1810 im thüringischen Frankenhausen erregte seine neue Dirigiertechnik „mit einer Papierrolle, ohne alles Geräusch" (Allgemeine Musikalische Zeitung, 1809/10, Spalte 751) größtes Aufsehen!

Louis Spohr gilt ebenfalls als Namensgeber und geistiger Gründervater des Düsseldorfer Ensembles „Camerata Louis Spohr" dessen Leiter Bernd Peter Fugelsang wir am 27. September in der Düsseldorfer Musikbibliothek begrüßen und interviewen konnten. In der Reihe „Musik im Gespräch!" äußerte er sich bereitwillig und ausführlich nicht nur über seine Erfahrungen als Oboist und Dirigent, sondern auch als Orchestermanager.

Die redaktionelle Zusammenfassung des Abends finden Sie in der Mitte des vorliegenden Konzertkalenders. Fugelsang bezieht sich in seinen Aussagen auch gerne auf seinen Mentor und Dirigenten John Axelrod, einem Schüler von Leonard Bernstein, der zur Kunst erfolgreicher Orchesterleitung folgenden Kernsatz formulierte: „Die symbolische Geste des Teilens von Ideen, Wünschen und Bitten zwischen Musikern und Maestro ist ein wunderbares Beispiel für Dirigierkultur. Keine Konfrontation. Nur Liebe und Förderung, Gemeinschaft und Perfektion." Besser lässt sich das Zusammenwirken von Orchester und Dirigent nicht ausdrücken! Aber lesen (hören) Sie selbst!

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Editorial

Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf