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(11/12 2017)

Dirigenten können nicht nur mitreißen – gelegentlich treten sie sogar als Schutzengel auf!

Dirigenten können nicht nur mitreißen – gelegentlich treten sie sogar als Schutzengel auf!

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Geschichten und Anekdoten, wonach Dirigenten während einer (Ur-)Aufführung plötzlich tot umfallen, oder sich wie einst Jean-Baptiste Lully 1687 mit dem damals noch senkrecht geführten, schwergewichtigen Taktstock heftig in den Fuß stechen, um kurz darauf am Wundbrand zu sterben, gibt es genug. Hoch über ihren Orchestermusikern genießen sie auch heute nicht immer ihr Sonderdasein als absolute Zeichengeber! Sie werden nicht nur angehimmelt, sondern gelegentlich auch beneidet oder wie gerade Anfang Oktober in der Düsseldorfer Tonhalle im konzertanten Gedenken an die Russische Oktoberrevolution 1917 im Rahmen eines „herrschaftsfreien Musizierens“ durch ein Leitungsteam experimentell ersetzt.

Alle diese Versuche sollen ja schließlich nur zeigen, dass es auch in einem Orchester ohne eindeutige Führung, ohne entschiedene Führungspersönlichkeit(en) einfach nicht geht. Als kompetente und einfühlsame Autoritäten auf Augenhöhe sind Dirigenten heute – ob männlich oder weiblich! – mehr denn je begehrt und geschätzt, zumal sie nicht selten gerade auch in Extrem- oder Grenz-Situationen ihren klaren Kopf bewahren müssen. Da sind sie schon mal als virtuose Retter gefragt – nicht nur im musikalischen Sinne. Von einer solchen Aktion eines hellsichtigen Dirigenten als wahrem Schutzengel sei hier kurz berichtet:

Klaus Wallrath, seit 30 Jahren überaus erfolgreicher Kantor an der Basilika St. Margareta in Gerresheim, der sich oft auch als Komponist betätigt, dirigierte am 17. März 2017 das von ihm komponierte Kinder- und Jugendmusical „Elias“ mit über 100 Akteuren als Uraufführung. Aus wenigen Metern Entfernung konnte ich in dem völlig ausverkauften und voll besetzten Stiftssaal Folgendes erleben: Auf der Bühne befinden sich viele singende und spielende Kinder, ein riesiges Getümmel. Rechts am Rand des Saals (noch vor der Bühne) ein kleines Orchester. Dort ebenfalls ein (einziger) Gang von hinten nach vorne mit normaler Breite. Wallrath steht auf einem kleinen Podest (ca. 15 cm hoch) und dirigiert.

Nur wenige Minuten nach Beginn der Uraufführung, Wallrath ist in voller Aktion, kommt ein Junge (ca. 6–7 Jahre, kein Solist) den Gang entlang gerannt – vielleicht wollte er noch zu seinen Kameraden auf die Bühne – will ganz knapp an Wallrath vorbei, stößt dabei aber mit dem rechten Fuß an das Podest und droht zu stürzen! Genau in diesem Moment greift Wallrath, während er mit der rechten Hand ganz souverän weiter dirigiert, geistesgegenwärtig mit seiner linken Hand unten nach dem Jungen und bewahrt ihn vor einem möglicherweise schweren Sturz. Der Junge rennt ungestürzt und unverletzt weiter nach vorne zu seinem Platz.

Den kurzen Vorfall werden nur wenige Besucher bemerkt haben. Es war für mich eine ungeheuer anrührende Situation. Klaus Wallrath, auf diese Szene im Vorgespräch zum Interview (Seite 16–24) angesprochen, konnte sich überhaupt nicht daran erinnern! Begründet sich mit seinem besonderen Dirigat – einem unfreiwilligen und gedankenverlorenen, flügelschlagenden Zusammenspiel von musikalischer Geste und rettender Aktion – nicht eine überaus starke Symbolik für Sinn und Aufgabe der Musik?

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Editorial

Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf