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„Musik im Gespräch!“(01/02 2015)

Yojiro Minami: „Komponisten müssen nicht schreiben, was Menschen hören wollen. Aber sie sollten wissen, was Menschen gerne hören!“

Yojiro Minami: „Komponisten müssen nicht schreiben, was Menschen hören wollen. Aber sie sollten wissen, was Menschen gerne hören!“

 

Yojiro Minami, in Düsseldorf lebender Komponist und Pianist im Gespräch mit unserer Redaktion.

Yojiro Minami wurde 1952 in Osaka, Japan geboren. Der Komponist, Pianist und Klavierpädagoge studierte Komposition an der Tokyo National University of Fine Arts and Music. Um seine Karriere als Komponist weiter zu entwickeln, ging Minami 1984 nach Deutschland. Er komponierte und komponiert Werke für Soloklavier, Kammermusik und Sinfonieorchester. Außerdem hat er für seine Klavierschüler eine besondere Methode entwickelt, die er „Mit den Augen Klavier spielen lernen“ nennt.


Eine Auswahl seiner Kompositionen:

Orchestermusik „Berliner Friedens View I, II, III“ (1986-88): Uraufführung mit dem Durban City Symphony Orchestra (mit Live-Übertragung durch den Südafrikanischen Rundfunk).

Ballettmusik für Orchester und Electric Sound „Argo“: Uraufführung 02.11.1995, Staatliches Opernhaus Novosibirsk (Schirmherrschaft: UNESCO, Auswärtiges Amt BRD, Russisches Kultusministerium). (Download: www.klavierunterrichtduesseldorf-minami.de)

Jazz Musical „Don Quijote“: Uraufführung 1983 in Tokio.

Orchestermusik „Telegramm eines Orchesters“: Uraufführung 1982, Tokyo National University of Fine Arts and Music.

Orchestermusik „Ies Nesr Of Gnos“ für Jazzpiano und Sinfonieorchester: Uraufführung 1991 in Frankfurt am Main (Download: www.klavierunterrichtduesseldorf-minami.de).

Komposition für Soloflöte „Umide“: Uraufführung 2008, Palais Wittgenstein Düsseldorf.

Orchestermusik „TANGO I“: Uraufführung 2009, Laeiszhalle Elbphilharmonie Hamburg.

Interview mit Yojiro Minami:


 
Der Komponist Yojiro Minami lebt und arbeitet seit 1984 in Düsseldorf. Foto: privat

Können Sie sich an Ihre früheste Begegnung mit der Musik erinnern?

Als ich neun Jahre alt war, kaufte mein Vater - er war ein kulturell gebildeter Mann - für unsere Familie eine Stereoanlage. Seine Begeisterung für die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven und für die Sinfonie „Aus der neuen Welt“ von Antonín Dvorák übertrug sich sofort auf mich: Ich war überwältigt von dem sinfonischen Klang dieser großartigen Musik. Ich wusste nie, aus welcher Ecke des Orchesters der „Strahl“ kam, der mein Herz traf. Jeden Augenblick erlebte ich mit großer Überraschung und Euphorie. Erst später, als ich die Klaviersonaten von Beethoven spielte und analysierte, konnte ich mir diese Wirkung erklären. Im musikalischen Detail war es die besondere Kompositionstechnik des Kontrapunktes (als Gegenstimme zur Melodie), so wie ihn Beethoven (im Unterschied zu Johann Sebastian Bach) verstand.

Wie entwickelte sich Ihr Verständnis für die Musik und warum wollten Sie Musik studieren?

Meine Wahrnehmung und mein grundsätzliches Musikverständnis haben sich seit meiner Kindheit eigentlich nicht verändert. Trotz aller angeeigneten analytischen Fähigkeiten erlebe ich Musik nach wie vor in einem Zustand der „Selbstvergessenheit“ und verlasse beim Komponieren, Spielen und Hören mein tägliches Leben und auch die Zeit. Dies war die ursprüngliche Motivation für mich, Musik zu studieren, weil ich glaubte, ich könnte mein ganzes Leben in diesem ekstatischen Zustand verbringen - was zum Teil sicher eine Illusion war. Aber die Fähigkeit, diese außeralltäglichen Momente zu schaffen oder zu spüren, habe ich mir bis heute bewahrt!

Sie leben und arbeiten seit 1984 in Deutschland. Welche Motive bewegten Sie zu diesem Wechsel nach Europa?

Es war der Klang der europäischen, sinfonischen Musik von Komponisten wie Beethoven, Brahms, Dvorák, Debussy, Ravel und auch Tschaikowsky, die mich nach Europa lockten. Und es war der sehnlichste Wunsch nach einem Neubeginn sowie die Neugier, ob ich vielleicht auch in der europäischen Landschaft und in der Architektur einen musikalischen „Nachhall“ finden könnte. Alle Motive zusammen waren für mich wie ein Kompass. Dass ich in Deutschland blieb, war dann eher ein Zufall, obwohl für mich das Leben hier inzwischen sehr selbstverständlich geworden ist.

Wie würden Sie aus Ihrer Sicht die europäische Musik definieren?

Die europäische Musik definiere ich als Musik des Kontrapunktes, der rationalen und funktionellen Harmonie, die auf Kadenz-Bewegungen im Quint-Schritt basiert. Definitiv gehört nach meiner Auffassung die Zwölftonmusik als eine „unglückliche“ Ableitung daraus dazu. Denn es ist mir nicht möglich, eine Musik, egal welche - sei es japanische, ein europäisches Volkslied oder eine Komposition von Arnold Schönberg „außerhalb der Tonalität“ wahrzunehmen, so wie ich ja auch nicht außerhalb der physikalischen Gravität leben kann.

 
Yojiro Minami bei der Arbeit. Foto: privat

Welche grundsätzlichen Unterschiede sehen Sie zwischen dem japanischen und dem deutschen Musikleben?

In der japanischen Sprache gibt es kein Wort für „Komposition“ oder „Komponist“ in der Bedeutung einer individuellen Schöpfung oder eines individuellen Schöpfers. Die japanische Musik mit ihren koreanischen, chinesischen und indischen Einflüssen ist primär eine Einheit aus Musik, Wort und Tanz. Es gibt - ähnlich wie im (amerikanischen) Jazz oder im europäischen Volkslied - vielmehr musikalische Typen, Improvisationen und Traditionen im kollektiven Sinne. Sie werden von Musikern aufgegriffen und bearbeitet, die im europäischen Verständnis eher als „gemeinschaftliche Improvisatoren“ zu definieren wären. Im Unterschied zu dieser Praxis sind meine Werke „Kompositionen“ in der europäischen Bedeutung - also Einzelwerke eines individuell arbeitenden Komponisten. Aber: Es sind Arbeiten, die in Konzeption und Grundvorstellung die kleinere oder größere Gruppe der (spätestens ab den Proben zur Uraufführung) gemeinsam musizierenden Menschen fest im Blick hat. Es sind Menschen, die musizieren, tanzen und als Publikum mitsingen. Das heißt, ich komponiere in europäischer individueller Form - aber mit asiatischem Blut.

Können Sie grob den Arbeitsablauf des Komponierens beschreiben, wie Sie ihn erleben?

Ich beginne beim Komponieren mit der Melodiestimme, worauf sich bald auch der Rhythmus einstellt. Dann folgen Harmonie (und Instrumentierung). Aber sobald ich mit der Melodie den Rhythmus gefunden habe, verstärkt sich mir der Eindruck, dass „erst jetzt“ meine Kompositionsarbeit anfängt. Daraus folgt aber, dass meiner kompositorischen Praxis doch letzten Endes der Rhythmus als primäre und prägende musikalische Energie zugrunde liegt. Ja, es ist der Rhythmus!


„Über die Begegnung mit Yojiro Minami und über seine musikalische Widmung habe ich mich damals sehr gefreut. Die Komposition UMIDE für Querflöte solo zeigt sehr eindrucksvoll, wie intensiv sich der Komponist auf die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Instrumentes eingelassen hat. Das Stück ist interpretatorisch sehr anspruchsvoll und stellt an den Flötisten hohe technische und ansatztechnische Forderungen. Das Werk spiele ich sehr gerne!“

Klaus-Peter Riemer, Konzertflötist


Welche kompositorischen Ansätze verfolgten Sie mit Ihrer Komposition „Capriccio für Sopransaxofon und Klavier“ (1978)? Warum nennen Sie das Stück „Capriccio“? Es klingt irgendwie leicht, poetisch und stolz.

Ein Capriccio ist für mich ein etwas exzentrisches Musikstück, das absichtlich und lustvoll zugleich gegen musikalische Regeln verstößt und aus der Reihe tanzt. Es betreibt die spielerisch-fantasievolle und charmante Überschreitung der akademischen Normen, ohne sie allerdings außer Kraft zu setzen. Anlass für diese Komposition - es könnte mein Opus Nr. 1 gewesen sein - war ein Wettbewerb während meines Studiums 1978. Die Aufgabe bestand darin, ein Duo für zwei verschiedene Instrumente zu komponieren. Damals hatte ich bei den Jazz-Musikern das Sopransaxofon (es erinnert im Klang ein wenig an eine Klarinette) als ein Instrument (der hohen Lage in B) kennen gelernt, das die Töne sehr präzise setzt. Es besitzt einen näselnden bis durchdringenden, sehr biegsamen Klang, der sich gut für solistische Arbeit oder zur Führung eines Satzes eignet. Seine Bedienung ist allerdings nicht ganz einfach. Bekannte Musiker wie John Coltrane und Wayne Shorter setzen das Instrument gerne ein. Und so ging es auch mir: Im Wettbewerb mit zwanzig anderen Studenten habe ich mit Bravour den 1. Preis gewonnen. Die Professoren waren damals von meiner Leistung überrascht. Aber ich glaube, wer am meisten überrascht war, war ich selbst! (Download: www.klavierunterrichtduesseldorf-minami.de)

 
Beim Komponieren verwendet Yojiro Minami gerne einen konventionellen Füll­federhalter, weil sich damit beim Schreiben der Noten die Strichstärke – ähnlich der japanischen Kalligrafie „Shodo“ – verändern läßt. Foto: privat

Können Sie etwas über die Hintergründe der Komposition für Soloflöte „Umide“ (2008) erzählen?

Vor einigen Jahren hatte ich den Konzertflötisten Klaus-Peter Riemer während eines Konzertes in der VHS Düsseldorf kennengelernt, wo ich meine „Flohwalzer Variationen“ spielte. Er war bei diesem Konzert ebenfalls aufgetreten, und sein Spiel hatte mich sehr beeindruckt. Nach dem Konzert sprach er mich wegen meiner Komposition an. Im Laufe der Unterhaltung erklärte er mir dann auch die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Flöten-Spieltechnik und überzeugte mich von den Vorzügen der französischen Methode. Diese faszinierte mich wegen der hohen Differenzierungs­fähigkeit in der Klang- und Tongebung schließlich so sehr, dass ich sofort beschloss, Herrn Riemer eine Komposition für Querflöte solo zu widmen, die besonders für den Einsatz der französischen Spielweise geeignet ist. Der japanische Titel „Umide“ bedeutet auf Deutsch „Am Meer“. Das Stück ist von mir konzeptionell so angelegt, dass eines der kleinsten Instrumente - nämlich die Querflöte - die gigantische Energie des Meeres, seine Unerschöpflichkeit und Großartigkeit in Klang und Melodie aufnimmt und an den Hörer symbolisch weitergibt. Als kompositorisches Element diente mir dabei der spannungsreiche Tritonus-Intervall als Zentralpunkt der Harmonie. (Download: www.klavierunterrichtduesseldorf-minami.de)


„Durch Zufall lernte ich Yojiro Minami kennen. Bei dieser Gelegenheit zeigte er mir die Partitur seines TANGO, und ich war davon sofort begeistert. Es ist schließlich kein leichtfüßiger, salonhafter Tango, sondern ein Werk sinfonischen Ausmaßes und hinreißend instrumentiert. So beschlossen wir, das Stück in das Programm unseres Sinfoniekonzertes am 23.09.2014 im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal mit aufzunehmen. Es wurde ein Riesenerfolg!“

Eberhard Bäumler, Dirigent (Orchester der Landesregierung NRW)


Was fasziniert Sie am Tango, so dass Sie immer wieder mit dieser Musikgattung arbeiten?

Der Tango ist von volkstümlicher Herkunft, folgt dem europäischen Tonsatz und ist eine feurige und leidenschaftliche Tanzmusik mit südamerikanischen, afrikanischen und später auch europäischen Wurzeln. Entstanden im Südamerika der Einwanderungszeit vor und nach 1900 hatte er eine ähnlich widerständige, gesellschaftliche Funktion wie in Nordamerika der Jazz. Der Tango konnte inzwischen auf der ganzen Welt Fuß fassen, so dass es überall Musiker und Tänzer gibt, die ihn lieben und spielen. Ich persönlich kann mich gut mit dieser Musikform identifizieren, weil ich selbst auch ein „Einwanderer“ bin. Aber ich kann überall leben und arbeiten, solange ich in mir eine leidenschaftliche Musik spüre. Es ist meine Begeisterung für den Tango und für seine Allgegenwart auf der ganzen Welt, die mich wie Beethovens Musik immer wieder motiviert, weiter zu leben. Diese Musikform ist in meinen Augen „musique du peuple“ - Musik von und mit sehr vielen, anonymen, höchst begabten Menschen, die genau wissen, was Musik ist! So ist es sicher verständlich, dass ich immer wieder von der Arbeit am Tango fasziniert bin! (Download: www.klavierunterrichtduesseldorf-minami.de)

Sie haben über den in Deutschland meist belächelten, wenn nicht gar verachteten „Flohwalzer“ Variationen für Klavier geschrieben. Was hat Sie dazu bewegt?

Ja, für deutsche Ohren und Gesprächspartner ist der „Flohwalzer“ ein spannendes Thema. Schon bald, nachdem ich 1984 in Deutschland angekommen war, stellte ich schnell den Unterschied zwischen E- und U-Musik fest, der sich zum Glück inzwischen (nach 30 Jahren) doch sehr relativiert hat. Zumindest damals war es so, dass der Flohwalzer - wie auch heute - praktisch von jedem Menschen als U-Musik gespielt werden konnte und kann. Dazu braucht man keine einzige Klavierstunde, und Notenlesen Können, ist ebenfalls nicht erforderlich. Aber damals rümpfte eine eher bildungsbeflissene Bürgerschaft die Nase, wenn ein „gebildeter“ Mensch sich dem ach so banalen und verachteten Flohwalzer näherte - das ist ja schließlich kein schwerblütiger Beethoven! Diese verächtliche Haltung gegenüber einer einfachen, unschuldigen, ja kindlichen Melodie tat mir einfach leid. Mit meinen „Flohwalzer-Variationen“ wollte ich aber das „arme“ Musikstück (wie ein Waisenkind) nicht gesellschaftsfähig machen. Ich verstehe mich nicht als Gouvernante für die europäische Kultur. Vielmehr war es meine Absicht, den Flohwalzer wie eine Schatztruhe zu begreifen, in dem ein ganzer Kosmos verborgen ist, den ich mit meinen Variationen (wie ein Transportmittel oder Spiegel) nur ansatzweise zum Vorschein bringen wollte. Dieselbe Absicht hatte ich auch mit meinen Variationen zu „Hänschen klein“, „Happy Birthday“ und „Kagome“, einem bekannten japanischen Kinderlied. (Download: www.klavierunterrichtduesseldorf-minami.de)

 
Cover des Notenheftes „Flohwalzer Variationen“. Foto: privat

Können Sie kurz Ihre Methodik „Mit den Augen Klavierspielen erlernen“ beschreiben?

Eigentlich ist es eine sehr einfache Methode, die darin besteht, beim Klavierspielen die Bewegung der beiden Hände beim Tastengreifen und die Bewegung der Augen beim Notenlesen und Tastengreifen zu entzerren. Die Handposition hat dabei eine besondere Bedeutung. Die Methode kommt nicht nur dem Anfänger sehr zugute, sondern kann und soll den Klavierspieler sein ganzes Leben lang begleiten!

Welche musikalischen Wünsche haben Sie an die Zukunft?

So wie ich bisher mit großer Freude viele Werke für Orchester komponiert habe, so möchte ich in Zukunft diese Arbeit - besonders am sinfonischen Tango - vertiefen und auch neue Solostücke für Klavier schreiben. Es ist mein Wunsch, weiterhin Musik schaffen, die der Moderne und zugleich der Klassik zuzuordnen ist.


Das Gespräch führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg