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„Musik im Gespräch!“(01/02 2017)

Irene Kurka„Stimme Solo ist wie Fliegen – und bietet mir die größte Intensität beim Singen!“

Irene Kurka„Stimme Solo ist wie Fliegen – und bietet mir die größte Intensität beim Singen!“

 
Die Sopranistin Irene Kurka als Gast bei „Musik im Gespräch!“ am 29.11.2016 in der Düsseldorfer Musikbibliothek. Foto: Hartmut S. Bühler

Irene Kurka kam in Darmstadt zur Welt und wuchs in der Nähe von Nürnberg auf. Sie erhielt ihre Gesangsausbildung an der Musikhochschule München, in den USA und Kanada. Die vielseitige Sopranistin wurde mit Stipendien und Preisen ausgezeichnet. 2014 erhielt sie den Förderpreis der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Irene Kurka singt die Sopranpartien der großen barocken Oratorien und Passionen, ist aber auch in der zeitgenössischen Musik eine sehr gefragte Sängerin. Zahlreiche Komponisten (Moritz Eggert, Michael Denhoff, Brigitta Muntendorf, Antoine Beuger u. a.) schreiben für sie und widmen ihr Werke, nicht zuletzt für CD- und Rundfunkaufnahmen. Mittlerweile hat sie über 170 Uraufführungen gesungen.

Seit 2009 beschäftigt sich Irene Kurka intensiv mit dem Repertoire für Stimme Solo (Hildegard von Bingen, Luigi Nono, Luciano Berio, John Cage, Carola Bauckholt u. a.). Aus einer Koproduktion mit dem Label Wandelweiser und dem Bayerischen Rundfunk veröffentlichte sie 2012 eine CD mit Liedern von Hildegard von Bingen und John Cage, 2015 folgte die CD „Beten“ für Stimme Solo. (www.irenekurka.de)

Für das musikalische Rahmenprogramm am 29. November präsentierte Irene Kurka aus ihrem Repertoire Stimme Solo mehrere Gesangbeispiele folgender Komponisten: Hildegard von Bingen, Gerhard Stäbler, Antoine Beuger, Charlotte Seither, Georges Aperghis, Carola Bauckholt. Während des Interviews hat sie diese Gesänge kommentiert (s.u.).

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

Gesungen habe ich schon immer! Nicht nur im Kindergarten fiel auf, dass mein Gesang irgendwie hübscher war. Es gab auch ein Musikstück, das mir in Erinnerung geblieben ist: In einem Querschnitt aus dem ersten Akt von Mozarts Oper „Don Giovanni“ die Arie der Donna Anna „Du kennst nun den Frevler“. Obwohl es sich hier um eine dramatische Arie handelt, habe ich dieses Stück mit elf Jahren immer wieder im Treppenhaus gesungen und fühlte mich dabei ganz großartig. Ebenso erinnere ich mich an eine Fernseh-Aufführung dieser Oper, die ich mir ansehen durfte. Meine Eltern hatten eigentlich damit gerechnet, dass ich früher oder später dabei einschlafen würde - was natürlich nicht geschah. Hier habe ich also schon sehr früh bemerkt, dass nicht nur Oper, sondern der Gesang für mich etwas sehr Wichtiges ist.

Wie hat sich das Interesse und die Faszination für Musik bei Ihnen dann fortgesetzt?

Nun, als Kind habe ich im Kindergarten und in der Grundschule oft, da mir Lampenfieber völlig unbekannt war, die Hauptrollen übernommen. Ebenso konnte ich in einem Chor mitsingen, der für seine anspruchsvollen Auftritte bekannt war. Dieses Ensemble probte in der Nürnberger Oper. Wenn bei Aufführungen Kinder benötigt wurden - Carmen, Bohème, Turandot usw. - konnten diese bei uns ausgewählt werden. Ich kam schon früh mit Bühne, Oper, Fernsehen in Berührung, was ich sehr genossen habe. So konnte ich auch große Sänger bewundern und schon sehr früh an eine Sängerlaufbahn denken.

Wie haben Sie Ihr Musik-Studium erlebt?

Ich hatte das Glück, ein musisches Gymnasium zu besuchen und diesen Bildungshintergrund zu verinnerlichen. Wir wurden in Musikgeschichte und Musiktheorie unterrichtet. Dazu gehörte auch ein jahrelanger Klavierunterricht, was u.a. dazu geführt hat, dass ich heute keinen Korrepetitor benötige und mir beim Einstudieren neuer Stücke selbst behelfen kann. Mein Studium konnte ich nach etwa einem Jahr in Amerika und Kanada fortsetzen, wo sich mir einerseits die Möglichkeiten der Selbstorganisation (Time Management) erschlossen, andererseits die begonnene musische Schulbildung weiter vertieft werden konnte, da man dort als Gesangsstudentin auch sehr viele (allgemeinbildende) Nebenfächer mitlernen muss, die wie Mathematik oder Geschichte nicht so sehr viel mit Musik zu tun haben.

 
Irene Kurka: „Da ich bei Stimme Solo ohne Begleitung auskomme, ergibt sich eine viel größere Intensität beim Singen. Das wird auch vom Publikum mitvollzogen und honoriert!“Foto: Thomas Kalk

Sie haben außerdem einen „Master für Mittelaltermusik“ abgelegt. Wie ist das zu verstehen?

Hier verdanke ich einen wesentlichen Impuls dem Komponisten Antoine Beuger, der meinte, es müsse doch sehr weit tragend sein, als Sängerin einen ganzen Abend im Sologesang bestreiten zu können. Dies war dann die Geburtsstunde des Konzertformates „Stimme Solo“. Neben zeitgenössischen Kompositionen fanden wir im Mittelalter Gesänge a capella, die also solistisch ohne Begleitung gesungen wurden. So kam ich auf Hildegard von Bingen, deren Gesänge ich bereits in meinem ersten Konzert mit John Cage gegenübergestellt hatte. Dieses spezielle Interesse führte dann schließlich dazu, diesen Studiengang an der Folkwang-Universität der Künste (Essen) zu studieren, auch um die europäische Musikgeschichte zu verstehen. Dies versetzte mich in die Situation, die alten Handschriften eigenständig zu studieren und zu verstehen, ohne auf Transkriptionen anderer Autoren angewiesen zu sein. Aber auch die Verbindung zur zeitgenössischen Musik mit zunächst unbekannten Notationssystemen wurde mir dadurch erleichtert.

Hildegard von Bingen: „O virtus Sapientiae“

Das ist der liturgische Gesang einer Mystikerin aus dem Mittelalter, 2012 heiliggesprochen, eine Gelehrte und Musikerin. Anhand damaliger Notationssysteme, sogenannter Neumen, lassen sich relativ zuverlässige Anhaltspunkte zur heutigen musikalischen Praxis gewinnen.

 
Irene Kurka: „Gesungen habe ich schon immer!“Foto: Hartmut S. Bühler

Was bedeutet für Sie das Format „Stimme Solo“?

Stimme Solo heißt zunächst, dass ich ohne jede instrumentale oder gesangliche Begleitung singe. Die Bandbreite ist dabei sehr groß, da das Repertoire „Stimme Solo“ ebenso sprechgesangliche wie auch musiktheatralische Elemente umfasst. Die menschliche Stimme ist nun mal das ureigenste, persönlichste Klanginstrument von uns allen. Da ich hier ohne Begleitung auskomme, ergibt sich (für mich) eine viel größere Intensität beim Singen selbst, was auch vom Publikum mitvollzogen und honoriert wird. Natürlich ist es für mich bestätigend, auf Veranstalter zu treffen, die sich trauen, diese Konzertform in ihr Veranstaltungsprogramm aufzunehmen. Zutrauen, einen Saal mit einem spannenden Programm zu füllen und Menschen zu finden, denen eine solche Musik gefällt - und niemand eine musikalische Begleitung vermisst.

Welche neuen Konzertformen haben Sie entwickelt?

Während „Stimme Solo“ eine inhaltliche Kategorie repräsentiert, können Konzertformen an örtliche Rahmenbedingungen gebunden sein. Zusammen mit einer Kollegin konnte ich z.B. vor ein paar Jahren hier im Hentrich-Saal der Tonhalle Salomé-Extrakte von Christina C. Messner konzipieren und aufführen, einem 50-minütigem Solo. Hierbei wird es für mich immer sehr reizvoll, zwischen den Kategorien „Konzert“ und „Theater“ zu changieren und Grenzen zu überschreiten. Wenn dann noch die Aufführung in einem öffentlichen, also ungeschützten, Raum stattfindet, wie etwa „Love Songs for Heim@t“ als Outdoor-Musiktheater am 16. September mit drei Sängern unter der Rheinkniebrücke in Düsseldorf (ebenso in Köln und Duisburg), werden die konzeptionellen und aufführungstechnischen Herausforderungen noch größer. Ebenso auch die (verständliche) verdutzte Reaktion eines Publikums steht dann hier zur Disposition, inwiefern diese integriert werden kann und diese nicht als Störung wahrzunehmen.

Gerhard Stäbler: „Bruchstück“

Der Komponist, mit Düsseldorf verbunden, hat ein sehr ernstes, existentialistisches Stück komponiert. Auch der zugrunde liegende Text beseht aus Bruchstücken, teilweise durch längere Pausen abgesetzt, ähnlich wie bei John Cage, welche die umgebenden Geräusche mit einbeziehen, ohne dass sie störend wirken. Laut Cage gibt es ja keine Stille, was die Pausen deutlich markieren. Der Klang der Stille wird mit einbezogen.

Welche Werke studieren Sie am liebsten ein und führen diese auf?

Einerseits könnte ich antworten: Immer das Werk eines Komponisten studiere ich am liebsten ein, was gerade bei mir auf dem Notenpult liegt. Andererseits sind die Dimensionen meiner Arbeit sehr vielfältig, so dass ich wirklich aus dem Vollen schöpfen kann: So können es Werke sein von einer gewissen Wildheit, Heftigkeit und Komplexität, Arbeiten mit eher meditativem Charakter oder auch humoristisch-kabarettistische, virtuose, sprachspielerische oder theatralische Kompositionen.

Carola Bauckholt: „Emil“

Emil ist sehr, sehr jung. Ein zentrales Moment in den Werken der Komponistin ist das Nachdenken über das Phänomen der Wahrnehmung und des Verstehens. So interessiert sie sich sehr für natürliche Geräusche und ist in der Lage, dieses Material in einen coolen Groove zu bringen. Als Grundlage für „Emil“ hat sie die Laute ihres Sohnes, als er noch ein Baby war, aufgenommen und daraus sehr viel später (2001) dieses Stück komponiert.

Antoine Beuger: „Vater unser“

Auch hier zeigt sich wieder sehr eindrucksvoll, wie die Pausen Bestandteil der Musik werden können. Bei diesem Gesang werden wir als Zuhörer zusätzlich ein wenig geführt, weil wir den Text des „Vater unsers“ akustisch verstehen und bis zum abschließendem Amen verfolgen können, das ich etwas verklingen lasse.

Der Komponist Antoine Beuger hat die Arbeit von Irene Kurka umfassend charakterisiert:

„Ihr treffsicheres und natürliches musikalisches Empfinden, immer verbunden mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Kontext und Hintergrund des jeweiligen Werkes, führen zu einer ebenso durchdachten wie empfundenen Interpretation. Ihre Offenheit und Neugierde ermöglichen es ihr, zu Musik unterschiedlichster Art ein sehr persönliches Verhältnis und Verständnis zu entwickeln. Nie hat mich eine ihrer Aufführungen unberührt gelassen.“

Konzerte 2017:

Basel, London, Weimar, Bonn

(aktuelle Angaben: www.irenekurka.de)

Audio-Aufnahmen - Neuerscheinungen 2017:

CD mit Liedern von Moritz Eggert

Klavier: Moritz Eggert und Martin Tchiba

CD mit Liedern von Eva-Maria Houben

Klavier: Eva-Maria Houben

CD Stimme Solo mit Werken von Antoine Beuger,

Eva-Maria Houben, Thomas Stiegler und Christopher Fox

Charlotte Seither: „Feinstaub II“

Der Text besteht aus einer Fantasie-Sprache, womit die Komponistin sehr gerne arbeitet. Im ersten Teil können wir ein höheres Stimmregister wahrnehmen als im zweiten Teil mit Tönen tieferer Anmutung – gedacht vielleicht als eine Frau im jungen und dann im reiferen und erfahrenen Alter in einer tieferen und satteren Stimmlage.

 
Irene Kurka: „Das Studium der Mittelaltermusik gab mir nicht nur Gelegenheit, die alten Handschriften eigenständig zu verstehen und zu interpretieren – sondern auch Partituren von Zeitgenossen zu lesen, wie hier Nr. 11 aus den Récitations des griechischen Komponisten Georges Aperghis, die in Ihrer Struktur an einen Weihnachtsbaum erinnert!“Foto: Thomas Kalk

Georges Aperghis: Nr.11 aus „Récitations“

Die Partitur des Stücks sieht aus wie ein Weihnachtsbaum! Die Sprache ist Französisch, der Inhalt erweckt Erinnerungen an Szenen auf dem Markt. Es sind Sprachfetzen, die hier ausgerufen werden und erklingen. Der griechische Komponist hat eine Zeit lang Elemente aus dem Alltag in sein Schaffen aufgenommen. „Egal für welche Gattung er schreibt, ganz allgemein gilt Aperghis‘ ‚zärtliche Aufmerksamkeit den angeblich wertlosen Klängen‘, wie er selbst sagt. Ausgangspunkt seiner Werke sind poetische und alltägliche ebenso wie gesellschaftliche, absurde oder satirische Situationen.“ (nmz 11/16)

 
Irene Kurka und Hartwig Frankenberg beim Gespräch in der Musikbibliothek.Foto: Thomas Kalk

Das Gespräch führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg am 29.11.2016 in der Musikbibliothek Düsseldorf