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„Musik im Gespräch!“(05/06 2015)

Thomas Kalk: „Die Zukunft heißt: Musik ist überall!“

Thomas Kalk: „Die Zukunft heißt: Musik ist überall!“

 
Eine der alltäglichen Arbeiten: Thomas Kalk, der Leiter der Düsseldorfer Musikbibliothek, bei der Beratung einer Kundin.Foto: Gendera / Stadtbüchereien

Der Musikbibliothekar Thomas Kalk im Gespräch mit unserer Redaktion.

Thomas Kalk wurde 1964 in Recklinghausen geboren, ging dort zur Schule und verbrachte hier auch seine Jugend. Nach dem Abitur folgte in Köln ein Studium an der Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen mit dem Abschluss zum „Diplom-Bibliothekar“. Danach schloss sich für ihn in Stuttgart das „Musikbibliothekarische Zusatzstudium“ an. Über den Ortsverband Düsseldorf des Richard-Wagner-Verbandes war Thomas Kalk 1989 Stipendiat der Richard-Wagner-Stipendienstiftung.

Seine erste Stelle erhielt er 1989 bei den Stadtbüchereien Düsseldorf. In der Stadtteilbücherei Garath war er mit der Leitung der Kinder- und Jugendabteilung betraut und wirkte unter anderem bei der Planung und Durchführung verschiedener Veranstaltungen wie etwa der langjährigen Reihe „Garath goes Opera-House“ mit.

1990 wechselte Thomas Kalk in die Musikbibliothek (eine Teileinrichtung der Zentralbibliothek der Stadtbüchereien Düsseldorf), übernahm hier das Lektorat für Compact Discs, sorgte für Aufbau und Pflege des CD-Bestandes, war (und ist) im Auskunftsdienst und bei Führungen tätig und beteiligte sich an der Planung und Durchführung von Ausstellungen und Veranstaltungen.

2012 übernahm er dann die Leitung der Musikbibliothek. Darüber hinaus ist er seit 2008 Lehrbeauftragter an der Hochschule der Medien Stuttgart und arbeitet sehr aktiv mit in verschiedenen leitenden Positionen der berufsständischen Organisation IAML (International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres). Thomas Kalk ist verpartnert und lebt mit seinem Mann im Düsseldorfer Süden.

Können Sie sich an Ihre erste, früheste Begegnung mit der Musik erinnern?

Meine frühesten musikalischen Erlebnisse reichen sicherlich in die Kindergartenzeit zurück, wenn es darum ging, gemeinsam Kinderlieder zu singen. Bei wem ist das nicht so? Ich habe also keine spezifische Erinnerung an eine bestimmte musikalische Ur-Situation. Und ich komme auch aus einer Familie, in der die Musik eigentlich keine große Rolle spielte. Wir hatten auch kein Klavier zuhause. Ich bin aber an den verschiedensten Punkten immer wieder mit Musik in Berührung gekommen. Auch an meine Teilnahme am kirchlichen Kinderchor kann ich mich noch gut erinnern. Das war eine schöne Sache. Im Freundes- und Bekanntenkreis hörte ich auch öfter die Frage: „Sie singen doch bestimmt, wie sie sprechen?“ Aber ich habe das merkwürdigerweise leider nicht weiter verfolgt.

Welches Musikinstrument haben Sie – gerne – gespielt?

Wie wahrscheinlich die meisten Kinder spielte ich am Anfang eine Zeit lang Blockflöte. Dann folgte eine recht lange Zeit (ca. 7 bis 8 Jahre) regelmäßiger Akkordeon-Unterricht – und ich habe dieses Instrument wirklich als „mein eigenes“ empfunden. Ich spielte es, bis ich etwa 15 Jahre alt war. Erst sehr viel später allerdings erfuhr ich, dass Paul Marsop, der als Begründer der Öffentlichen Musikbibliotheken in Deutschland gilt, seinen Abscheu über dieses Instrument ausgedrückt hatte und meinte, das Akkordeon sei kein Instrument, wenn man ernsthaft Musik betreiben will.

 
Gruppenbild mit Cello: Nach der Buchvorstellung „3 mal neu“: Cellistin Clara von Marschall, Komponist Oskar Gottlieb Blarr und Musikbibliothekar Thomas Kalk.Foto: Gendera / Stadtbüchereien

Wie entwickelte sich Ihr Verständnis für die Musik als Kind, Jugendlicher und Erwachsener?

Ich würde sagen: Man lernt dazu, das ist das Wichtigste. Nach der eben beschriebenen Kindheit und der Jugend mit dem Akkordeon folgte eine wichtige Phase mit der Pop-Musik in den 1980er Jahren. Da habe ich mir sehr viele englische Platten gekauft. Später fand ich dann mit der Ausbildung auch den Weg zur klassischen Musik und konnte mir ein großes Repertoire erarbeiten. So habe ich beispielsweise in meiner Zivildienstzeit in Hamburg überaus häufig mit vergünstigten (Rest-)Karten Vorstellungen in der Staatsoper besucht, einfach um die gespielten Werke kennenzulernen. Da habe ich mitgenommen, was zu kriegen war – vom klassischen Repertoire mit Händel, Mozart, Verdi und Puccini bis zur Neuen Musik.

Wie und warum sind Sie Bibliothekar und dann Musikbibliothekar geworden?

Ich komme ursprünglich aus einer Polizistenfamilie, was aber nicht mein Thema war. Ich habe viel Zeit in der Bibliothek Recklinghausen verbracht. Es war einfach eine Umgebung, in der ich mich sehr wohl fühlte und wo ich viel gelesen habe. Das habe ich alles sehr genossen. Die Bibliothek war für mich auch so etwas wie ein Schutzraum. Zur Motivation, Bibliothekar zu werden, trug dann später sicher auch die Tatsache bei, dass die Ausbildung ein finanziertes Studium war. Ich stellte aber bald fest, dass mir das Dasein als Bibliothekar an einer wissenschaftlichen Universitätsbibliothek doch nicht so lag und suchte nach Möglichkeiten, die meiner Person eher gerecht wurden. Die Ausbildung hatte zum Glück auch umfangreiche praktische Anteile.

 
Retten oder Bewahren: In der Musikbibliothek lassen sich traditionelle Vinyl-Schallplatten digitalisieren.Foto: Gendera / Stadtbüchereien

Wie kamen Sie dann nach Düsseldorf?

Durch Zufall fand ich im Rahmen eines Praktikums in Düsseldorf in der Bibliothek des Gerhart-Hauptmann-Hauses (früher: Haus des Deutschen Ostens) eine sehr inspirierende Einrichtung. Es war auch die Zeit, als hier in Düsseldorf die heutige Zentralbibliothek eröffnet wurde. Der Weg in die Landeshauptstadt und zur Musik war irgendwie vorgezeichnet, so dass ich meine erste Anstellung in der Stadtteilbücherei Garath fand. Hier kam allmählich auch die Musik ins Spiel, als ich mit der Veranstaltungsreihe „Garath goes Opera House“ eine Lücke schließen konnte, die es damals noch gab. Denn irgendwelche Einführungs- und Begleitangebote zu Opernveranstaltungen waren zu dieser Zeit weitgehend noch fremd. Ich habe jeweils eine kleine Gruppe interessierter Besucher mit einem Einführungsvortrag auf ein Opernereignis vorbereitet und die Aufführung mit ihnen dann – wie ein musikalischer Reiseleiter – auch besucht.

Welche Aufgaben erfüllt die Musikbibliothek der Stadtbüchereien Düsseldorf?

Die Musikbibliothek der Stadtbüchereien Düsseldorf hat die primäre Aufgabe, ihren Kunden einen aktuellen Bestand an Noten, Büchern und Tonträgern zur Verfügung zu stellen und mit seinem Auskunftsdienst bei Fragen zu helfen. Das heißt, wir kaufen aus den Bereichen Musikliteratur (auch Nachschlagewerke), Musiknoten und Musiktonträger (CDs, DVDs), was aktuell erscheint und was für unsere Kunden relevant ist. Hinzu kommen die Dienstleistungen, die wir vor Ort erbringen. Da ist der Auskunftsdienst unserer Mitarbeiter, mit dem wir bei allen Fragen helfen, die rund um das Thema „Musik“ aufkommen können. Etwa wenn jemand eine Facharbeit für die Schule oder eine aufwendigere Studienarbeit schreibt, oder wenn jemand einen Fachartikel für eine Publikation in Arbeit hat. Wir bieten außerdem Onlinedienste an, also den Zugriff auf Datenbanken – sowohl von hier aus, als auch (mit einem Leseausweis) von zu Hause. Auch können unsere Benutzer bei uns Musik hören und auf einem E-Piano spielen. Ebenso lassen sich bei uns Vinyl-Schallplatten digitalisieren.

Welche Träume, welche Ziele verfolgen Sie mit der Musikbibliothek?

Natürlich wollen wir unseren Nutzern noch mehr Angebote machen, welche die gegenwärtigen Möglichkeiten erweitern. Deren Wunsch ist unser Befehl. Darunter sind auch Aufgaben, die über das reine Ausleihen von Musikmedien und die Recherche zu irgendwelchen Themen hinausgehen. Je aktueller wir sind, desto größer ist die Nachfrage. Wir haben z.B. eine „Hörbar“, an der die Nutzer ein aktuelles Album schon anhören können, während die physische CD noch in der Einarbeitung im Haus ist. Außerdem soll in einer nicht allzu fernen Zukunft der nicht-ausleihbare Tonträgerbestand digitalisiert zur Verfügung stehen und an jedem Onlinekatalog in der Zentralbibliothek angehört werden können. Ganz sicher geht alles weiter in Richtung Digitalisierung. Die Zukunft heißt: Musik ist überall!

Welche Musikmedien werden in erster Linie zur Ausleihe nachgefragt? Gibt es Trends?

Gibt es aus Ihrer Sicht mehr beruflich oder mehr privat motivierte Nutzer?

Können Sie den Einzugsbereich der Musikbibliothek in etwa beschreiben?

So klar kann man das meist gar nicht trennen: privat oder beruflich. Gerade in der Musik sind hier die Übergänge meist fließend. Seien es praktizierende Musiker, Musikjournalisten, Musikautoren, Musikdramaturgen. Also alles Leute, die beruflich mit Musik zu tun haben. Private Nutzer suchen oft nach bestimmten Noten, die sie hier finden können – für ihr Repertoire, für ihr Instrument, für ihr Ensemble. Die Leute sollen bei uns das finden, was sie suchen.

 
Fast wie zu Hause: In der Musikbibliothek kann man Klavier spielen. Die Noten dazu sind hier selbstverständlich ebenso verfügbar.Foto: Gendera / Stadtbüchereien

Können Sie beschreiben, wie sich der Musik-Geschmack in unserer Gesellschaft aus Ihrer Sicht als Musikbibliothekar in den letzten Jahren verändert hat?

Kommen Sie (oder Ihre Mitarbeiter) hierüber mit den Nutzern ins Gespräch? Gibt es Trends für große Zeiträume?

Noch vor dreißig, vierzig Jahren repräsentierte der Musikgeschmack der Musikbibliotheken vorwiegend das klassische Repertoire – nicht nur, wenn wir an Paul Marsops Aussagen zum Akkordeon zurückdenken. Der klassische Kanon existiert zwar immer noch und verliert auch nicht seine Relevanz. Aber es hat eine deutliche Erweiterung stattgefunden: Die alte, vor allem (in klassisch = gut und unterhaltend = schlecht) bewertende Unterscheidung von E-U-Musik machen wir uns heute nicht mehr zu eigen. Da hat sich eine ungeheure Angleichung und Ausdifferenzierung ergeben. Die heutige Arbeit einer Musikbibliothek liegt nämlich nicht mehr in der Erziehung zum klassischen Repertoire. Vielmehr bieten wir den Kunden, was sie haben möchten. Das spiegelt sich auch im Bestand wieder: Die Menschen möchten viel Popmusik und auch Jazz spielen bzw. hören und bei den Noten auch leicht spielbare Arrangements von Klassikern vorfinden.

Nach welchen Kriterien verfahren Sie bei der Anschaffung Ihrer Musikmedien?

Damit wir einen aktuellen Bestand bereitstellen können, informieren wir uns ständig, was wichtig ist. So werten wir Kataloge der Verlage ebenso aus wie Rezensionen aus Zeitschriften und Zeitungen. Wir achten auf Fragen unserer Kunden am Auskunftstisch und werten diese systematisch aus. Unter unseren Mitarbeitern hat jeder sein besonderes Fachlektorat, aber wir stehen alle auch zum fachlichen Austausch ständig miteinander in Verbindung. Unter dem Begriff der Intermedialität sorgen wir auch dafür, dass wichtige Werke eines Komponisten oder einer Epoche in allen Medien repräsentiert sind – als Noten, Tonträger und Fachliteratur. Wir sorgen dafür, dass unsere Anschaffungen, für die uns jährlich rund 40.000 Euro als Etat zur Verfügung stehen, allen Anforderungen gerecht werden. Selbstverständlich fließen in diese Aufgabe als Lektor auch eigene Spezialisierungen ein. Dabei bleibt die Resonanz beim Publikum immer entscheidend.

Die Musikbibliothek betätigt sich auch als Herausgeberin einer ursprünglich von Jutta Scholl begründeten „Schriftenreihe des Freundeskreises Stadtbüchereien Düsseldorf“. Letztes Jahr erschien hier die Buchpublikation von Oskar Gottlieb Blarr unter dem Titel „3 mal neu – Chronik über vierzig Jahre Neue Musik im Hinterhof“. Und in wenigen Wochen ist die Neuerscheinung einer weiteren Publikation über den Komponisten Thomas Blomenkamp geplant. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Mit der „Schriftenreihe des Freundeskreises Stadtbüchereien Düsseldorf“ präsentiert sich die Musikbibliothek auch als Herausgeber und Produzent von spezifischem „Musikwissen“. Bisherige Titel: „Der Komponist Günther Becker“ (1989, noch vor Gründung der Schriftenreihe), „Die Familie Heinersdorff“ (1993), „Der Komponist Jörg Baur“ (1993), „Der Komponist Oskar Gottlieb Blarr“ (1994), „Neue Musik in Düsseldorf seit 1945“ (1998) und 2014 das eben schon erwähnte Buch von und mit Oskar Gottlieb Blarr. Die Arbeit an diesem Buch war für mich übrigens eine faszinierende und lehrreiche Arbeit bei der Redigierung der Konzertprogramme mit Sichtung und Nennung aller Namen und Interpreten aus dem Düsseldorfer Musikleben. Am 2. Juni werden wir hier in der Musikbibliothek nun auch eine Publikation über das Werk und das Wirken des zeitgenössischen Komponisten Thomas Blomenkamp der Öffentlichkeit vorstellen können.

Ihr besonderes Interesse gilt der Musik Richard Wagners. Wie ist es dazu gekommen? Was fasziniert Sie an den Werken Wagners? Welche ist Ihre Lieblingsoper und warum?

1989 erhielt ich über den Ortsverband Düsseldorf des Richard-Wagner-Verbandes ein Stipendium, das normalerweise eher praktizierende Musiker erhalten. Im Rahmen dieser Bedingungen bin ich – ohne eine genauere Vorstellung zu haben – nach Bayreuth gefahren und habe den „Ring“ in der Inszenierung von Harry Kupfer erlebt. Mit dem abgedeckelten Orchestergraben ist das für einen Neuling vielleicht eher wie Kino, weil man den Dirigenten nicht sieht, wenn er den Graben betritt – es geht einfach plötzlich los. Da zuckten auf einmal Laserstrahlen durch den Raum wie in der Disco, was für mich völlig überraschend war. Als ich dort mit offenem Mund, Augen und Ohren im Zuschauerraum saß, sprang ein Funke auf mich über.

 
Musikalisches Ensemble: Das Team der Musikbibliothek Jutta Kornely, Thomas Kalk, Gisela Lohe, Maike Schön, Barbara Schrammel und Maria Wilkens.Foto: Gendera / Stadtbüchereien

Welche Folgen hatte diese erste Begegnung?

Nach diesem nachhaltigen Erlebnis habe ich damit angefangen, mir das gesamte Repertoire von Richard Wagner zu erarbeiten. Theater ist mir sehr wichtig: Theater und Musik. Ich möchte auch etwas sehen. In erster Linie Theater, durch das sich mir dann die Musik erschließt. Und das bietet mir in erster Linie Richard Wagners Musiktheater. Bei Kupfers Personenregie interagieren die Figuren. Meine Lieblingsoper ist „Tristan und Isolde“. Hier erinnere ich mich an eine Serie von Vorstellungen in Köln mit der Sopranistin Gabriele Schnaut. Da habe ich jede Vorstellung besucht. Beim „Tristan“ hat mich besonders die Liebesgeschichte gepackt mit ihrer Vielschichtigkeit. Man entdeckt hier immer etwas Neues, und es wird nicht langweilig. Aber auch alle anderen Wagner-Opern bedeuten mir sehr, sehr viel. Ich nehme auch gerne in Kauf, weite Strecken zu fahren, um Wagner zu erleben. Seine Werke können süchtig machen.

Das Gespräch führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg


Kristina Marzi (Klarinette) und Alexander Kalweit (Klavier und Akkordeon) erfreuten als „Duo Cappelli“ das Publikum zwischendurch mit Melodien von Béla Kovács, Astor Piazolla und Vittorio Monti und machten vergnügt die Programmansage.