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„Musik im Gespräch!“(05/06 2016)

Dr. Barbara Steingießer„Jede Jazz-Improvisation ist eine Komposition im Augenblick!“

Dr. Barbara Steingießer„Jede Jazz-Improvisation ist eine Komposition im Augenblick!“

 
Foto: Thomas Kalk

„Ich möchte mit der Konzertreihe Jazz im Goethe-Museum nicht nur Jazzfans an einen ihnen vielleicht noch unbekannten Ort locken, sondern auch Klassik-affine Goethe-Freunde für den Jazz begeistern.“

Dr. Barbara Steingießer kommt aus Meerbusch. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Bonn. Neben dem Studium spielte sie in verschiedenen Jazzbands Saxofon. 1994 erhielt sie ein Stipendium der Stiftung Weimarer Klassik zur Mitarbeit an der historisch-kritischen Schiller-Nationalausgabe. Nach ihrer Promotion machte sie sich als freie Autorin und Kulturjournalistin selbständig. Für die Rheinische Post und für verschiedene Fachzeitschriften liefert sie Beiträge in Wort und Bild über Literatur, bildende Kunst und (Jazz-)Musik. Bei ihren fotojournalistischen Arbeiten liegt der Fokus auf Porträt- und Konzertfotografie. 2014 begründete sie die Konzertreihe „Jazz im Goethe-Museum“.

Omer Klein gilt als einer der bedeutendsten Jazz-Pianisten der Gegenwart. Er wurde in Israel geboren. Das dortige Kultusministerium bezeichnete ihn bereits als „herausragenden Musiker“, als er 2005 in die USA übersiedelte, um seine Studien in Boston bei Danilo Pérez und in New York bei Fred Hersch fortzusetzen. In New York spielte er unter anderem im Jazz-Club „Blue Note“, bei „Jazz at Lincoln Center“ und in der Carnegie Hall. Der erfolgreiche Künstler lebt seit einigen Jahren in Düsseldorf und ist auf zahlreichen Tourneen unterwegs. 2013 wurde er mit dem Förderpreis für Musik der Landeshauptstadt Düsseldorf ausgezeichnet sowie 2015 mit demjenigen des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Bezwingende an Omer Kleins Musik ist sein Stil, der Orient und Okzident umarmt, israelische Folklore, europäische Klassik und afro-amerikanischen Jazz miteinander vereint. Diese Musik hat komplexe und zugleich mitreißende Rhythmen, raffinierte Melodien, die dennoch eingängig sind, sowie Harmonien, die unter die Haut gehen. „Seine Kompositionen“, schrieb das US-amerikanische Magazin „JazzTimes“ sind Folksongs für den Schmelztiegel des neuen Jahrtausends“ und es prophezeite ihm, dass er das Potential habe, etwas für einen Jazzmusiker sehr Rares zu erreichen: Popularität. - Omer Klein gab mit seinem Trio im Mai 2014 das erste Konzert in der damals neu gegründeten Reihe „Jazz im Goethe-Museum“. Seinen Auftritt bei „Musik im Gespräch!“ begann er mit einer freien Improvisation. Später spielte er unter anderem den Jazz-Standard „It Could Happen To You“ und das Titelstück seiner aktuellen CD „Fearless Friday“.

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

Meine erste Begegnung mit der Musik fand sehr früh im Elternhaus statt. Ich erinnere mich an eine Musiktruhe mit einem magischen Auge, mit Radio und Plattenspieler, wie man sie damals hatte. Von diesen technischen Dingen war ich schon als Kind fasziniert, auch vom vorsichtigen Abwischen einer Schallplatte und dem behutsamen Auflegen des Tonarms. Mit etwa fünf Jahren bekam ich meine erste eigene Langspielplatte, die ich immer noch besitze: „Ri-Ra-Rock“. Sie enthält Kinderlieder, umgesetzt im Stil der Rockmusik der 70er Jahre, und klingt noch heute sehr modern, fast rockiger als aktuelle Aufnahmen für Kinder. Unter den Titeln der LP ist auch „Popcorn“ von 1969, einer der ersten Synthie-Pop-Hits überhaupt, eingespielt auf einem Moog-Synthesizer.

Wie hat sich dann dieses Interesse und diese Faszination fortgesetzt?

Das Interesse setzte sich über die Schallplatten fort, die mein Vater sich kaufte, darunter „Simon and Garfunkel's Greatest Hits“ oder das rote und das blaue Album der Beatles. Die Musik der Beatles begeisterte mich so sehr, dass ich mit elf Jahren zum Beatles-Fan wurde. Meine beste Freundin und ich bauten gemeinsam eine Beatles-Plattensammlung auf. Und für die LPs, die wir dann zwischen den Wohnungen hin- und hertrugen, haben wir uns aus Jeans-Stoff Taschen genäht und die Musiktitel mit farbigem Garn darauf gestickt. Aus den Schallplatten-Covern haben wir uns sogar große Kartenhäuser gebaut, in die wir uns dann hineinsetzten.

Das ist ja eine sehr symbolträchtige Aneignung von Welt als Musik (und umgekehrt), bei der Sie erfreulicherweise von Ihren Eltern und Ihrer Freundin enorm unterstützt wurden. Wie ging das dann weiter?

Kurz nach meiner ersten Begegnung mit der Musik begann die musikalische Früherziehung mit anschließendem Blockflötenunterricht. Danach hätte ich gern Querflöte gespielt. Doch weil im Musikschulorchester damals gerade Celli gebraucht wurden, habe ich fünf Jahre lang Cello gespielt, dabei jedoch immer von einem Blasinstrument geträumt, als Teenager dann nicht mehr von der Querflöte, sondern vom Saxofon. Aber leider gab es dieses Unterrichtsfach an der Meerbuscher Musikschule damals noch nicht. Um mir von einer Klarinettenlehrerin den Ansatz zeigen zu lassen, kam ich für zwei Jahre auf eine Warteliste.

 
Omer Klein gilt als einer der bedeutendsten Jazz-Pianisten der Gegenwart. In New York spielte er z.B. im Jazz-Club Blue Note, bei Jazz at Lincoln Center und in der Carnegie Hall.Foto: Thomas Kalk

Konnten Ihre Eltern in dieser Situation helfen?

Sie haben versucht, mich in einer Nachbarstadt für Jazz-Saxofon-Unterricht anzumelden, doch leider war das nicht möglich, weil die Musikschulen nur Schüler aus der eigenen Stadt aufnahmen. Geweckt worden war meine Liebe zum Jazz durch meinen Vater, der als Architekt am liebsten Benny Goodman hörte, während er zeichnete. Weil mir der Weg zum Spielen von Jazz zunächst noch verwehrt war, ich aber mit dieser Musik zu tun haben wollte, besuchte ich in der „Werkstatt“, der Vorgängerin des Tanzhauses NRW, Stepptanz-Kurse und fuhr zu Workshops auch nach Köln. Damals lebten noch die alten amerikanischen Stepptänzer aus der Blütezeit des Swing, die gelegentlich nach Deutschland kamen, um Workshops zu geben. Das Stepptanzen habe ich zehn Jahre lang sehr intensiv betrieben.

 
Auch in Düsseldorf, wo er seit ein paar Jahren lebt, begeisterte Omer Klein bei „Musik im Gespräch!“ u.a. mit dem Jazz-Standard „It Could Happen To You“ und dem Titelstück seiner aktuellen CD „Fearless Friday“.Foto: Thomas Kalk

Und wann konnten Sie dann endlich das ersehnte Saxofon erlernen und spielen?

Eine Freundin, die ich vom Steppen her kannte, stellte den Kontakt zur Clara-Schumann-Musikschule her und zum Jazz-Workshop von Hermann Gehlen. Da begann nun endlich meine aktive Zeit des Saxofon-Spielens. In den Semesterferien habe ich von morgens bis abends geübt, um die versäumte Zeit aufzuholen. Etwa zur gleichen Zeit lernte ich Musikstudenten kennen, die Klavier, Bass und Schlagzeug studierten. Gemeinsam gründeten wir eine Band, die bei Veranstaltungen und Festlichkeiten spielte, zum Beispiel auch bei Partys auf Rheinschiffen. Wir haben bei diesen Auftritten so einige Abenteuer erlebt. Das war eine schöne Zeit.

Gab es für das Saxofon vielleicht auch Vorbilder für Sie?

Ich hatte damals Vorbilder wie etwa Lester Young. Ein spezielles Schlüsselerlebnis kommt hinzu: Als ich im Urlaub in München im Englischen Garten einen Saxofonisten hörte, wusste ich: Dieses Instrument muss es sein!

Da stellt sich natürlich die Frage: Warum haben Sie nicht Musik studiert?

Vielleicht hätte ich das getan, wenn ich früher mit dem Saxofon-Spielen hätte anfangen können. Ich war ja damals schon etwa 20 Jahre alt, was einfach zu spät ist. Andererseits bin ich wiederum auch nicht nur auf die Musik fokussiert - ich finde es immer schade, dass die Bereiche des Lebens, der Interessen und der Arbeit oft strikt voneinander getrennt werden. Ich meine, dass die Künste doch möglichst zusammenwirken sollten. Und weil ich mich immer auch für Literatur und bildende Kunst interessiert habe, war es für mich die logische Folge, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte zu studieren.

Spielen Sie heute noch Saxofon, bzw. haben Sie noch Ihr Instrument?

Meine Instrumente habe ich noch, aber ich spiele nicht mehr Saxofon. Die Bandmitglieder zerstreuten sich in alle Winde. Und als Journalistin fehlt mir einfach auch die Zeit für regelmäßige Proben.

Gut, Sie haben Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte studiert und darin auch promoviert. Möchten Sie etwas zu Thema und Inhalt Ihrer Doktorarbeit sagen?

Es handelte sich um einen Band der Schiller-Nationalausgabe, in dem es um Erläuterungen zu Briefen ging, die Friedrich Schiller in den Jahren 1801 und 1802 erhalten hat. Das hört sich vielleicht etwas trocken und akademisch an. Es war aber sehr abwechslungsreich, weil es sich um 370 Briefe von 111 Verfassern handelte, die sich in Handschrift, Stil und Thema sehr voneinander unterschieden. Oft ging es darin um Literatur und Theater, aber auch um Musik und bildende Kunst oder um ganz alltägliche Dinge wie Klatsch und Tratsch der damaligen Zeit in Weimar, auch natürlich um finanzielle Sorgen und Krankheiten. Meine Arbeit fand ich sehr spannend, weil mir jeder der Briefe eine neue Welt eröffnete, und man durch die intensive Auseinandersetzung damit in eine andere Zeit eintauchen konnte.

Wie und warum sind Sie Kulturjournalistin geworden?

Das hing damit zusammen, dass die Arbeit an der Schiller-Nationalausgabe von vornherein ein zeitlich begrenztes Projekt war. Meine Verbindung zum Journalismus geht in meiner Biografie sehr weit zurück. So habe ich bereits als Schülerin ein Praktikum bei der Rheinischen Post absolviert. Schon damals fand ich es sehr interessant, über Kunst, Musik und Literatur zu berichten. Die Gemeinsamkeit zwischen meiner wissenschaftlichen und meiner journalistischen Arbeit ist die von mir geschätzte thematische Vielfalt, der Unterschied liegt in der Schnelligkeit, in der die Texte für die Tagespresse geschrieben werden müssen. Das war eine Herausforderung, der ich mich gerne gestellt habe.

 
Die Kulturjournalistin Dr. Barbara Steingießer und Prof. Dr. Hartwig Frankenberg bei „Musik im Gespräch!“ am 5. April in der Düsseldorfer Musikbibliothek.Foto: Thomas Kalk

Und die Fotografie in diesem Zusammenhang?

Zu meinen journalistischen Texten liefere ich meist auch die Fotos. Besonders bei meinen Interviews mit Musikern oder bildenden Künstlern finde ich es am besten, wenn sich Text und Bild zu einem Gesamtporträt ergänzen. Auch die Beziehung zur Fotografie liegt bei uns in der Familie, wenn ich etwa an meinen Großvater denke, der sich seine erste Kamera einst selbst baute, oder an meine Mutter, die durch den Beruf meines Vaters zur Architektur-Fotografie kam. Ich selbst fand durch eine Pocket-Kamera, die ich mir mit sieben Jahren von meinem Taschengeld kaufte, schon früh einen Zugang.

 
Foto: Thomas Kalk

„Mit etwa fünf Jahren bekam ich meine erste Langspielplatte, die ich immer noch besitze: Ri-Ra-Rock. Sie enthält Kinderlieder, umgesetzt im Stil der Rockmusik der 70er Jahre, und klingt noch heute sehr modern.“

Wie haben sich Idee, Konzept und Organisation der Konzertreihe „Jazz im Goethe-Museum“ entwickelt?

Diese Möglichkeit hat sich durch den neuen Direktor des Goethe-Museums, Prof. Dr. Christof Wingertszahn, ergeben, der seit 2013 die Geschicke des Hauses lenkt. Schon vor Dienstantritt hat er betont, dass das Goethe-Museum sich mit seinen Möglichkeiten mehr als bisher dem Publikum öffnen muss und dass dieser Anspruch durch entsprechende Veranstaltungen wie Ausstellungen, Vorträge oder Tagungen verwirklicht werden soll. Zu Konzept und Umsetzung dieser Überlegungen konnte und kann ich als ehrenamtliche Mitarbeiterin ein wenig beitragen. Die Idee von „Jazz im Goethe-Museum“ war dann nur noch ein einfacher, logischer Schritt in die Gegenwart und in die Zukunft. Dies hatte zur Folge, dass sich seit 2014, seitdem diese Konzertreihe läuft, das Publikum sowohl verändert als auch deutlich erweitert hat.

Möchten Sie vielleicht etwas sagen über die Verbindung von Goethe und Jazz?

Für das Plakat zur Konzertreihe habe ich das neue, am Bauhaus orientierte Logo des Goethe-Museums aufgegriffen und den Namenszug „Goethe“ durch einen Schattenriss des Dichters ersetzt, dem ich ein Saxofon als Sinnbild für den Jazz in die Hand gegeben habe. Natürlich fragt man sich: Was hat Goethe mit Jazz zu tun? Nun, bei einem Dichter, bei dem die Unmittelbarkeit des Augenblicks so wichtig ist, wie sie es für Goethe war, ist es eigentlich naheliegend, dass die Improvisation als ein wesentliches Charakteristikum des Jazz zu seinem Welt- und Lebensbild passt, zumal er gesagt hat: „Alle Kunst gefällt nur, wenn sie den Charakter der Leichtigkeit hat. Sie muss wie improvisiert erscheinen.“ Goethe selbst spielte Klavier, Cello und Flöte und führte einen musikalischen Briefwechsel mit dem Komponisten Carl Friedrich Zelter, seinem einzigen Duz-Freund. Er hörte gern lebhafte Musik, von der er schrieb, dass sie „für ein neues Ohr neue Überraschung, für einen frischen Sinn frisches Erstaunen“ bereite. Zum Charakter des Neuen und Überraschenden passt ja dann auch die Verbindung zwischen dem Jazz und diesem besonderen Ort, dem Rokoko-Schloss mit seinen Kristall-Lüstern und den Vitrinen mit Porzellan aus dem 18. Jahrhundert. Die improvisierte Musik klingt hier ganz anders als in einem Jazzkeller! Und es ist spannend, zu erleben, wie sich diese Atmosphäre auf die Musiker und ihr Spiel überträgt. Ich möchte mit der Konzertreihe nicht nur Jazzfans an einen ihnen vielleicht noch unbekannten Ort locken, sondern auch Klassik-affine Goethe-Freunde für den Jazz begeistern. Denn jede Jazz-Improvisation ist eine Komposition im Augenblick!

Welche Konzerte haben Sie für die nächste Zeit geplant?

Eine längere Folge von Terminen kann ich noch nicht nennen, weil im Rahmen dieses Konzeptes pro Jahr nur etwa drei Jazzkonzerte geplant sind. Das nächste Konzert findet am 18. August statt mit dem israelischen Jazzpianisten Yaron Herman, der in Paris lebt. Er spielt im Duo mit dem in New York lebenden Schlagzeuger Ziv Ravitz.

Wie betreiben Sie dieses Management Ihrer Jazzkonzerte, die ja nicht nur künstlerische, sondern bestimmt auch finanzielle Aspekte zu berücksichtigen haben?

Durch meine inzwischen zwölfjährige Arbeit als Jazz-Journalistin habe ich viele Kontakte. Die meisten der Musiker habe ich bei Interviews persönlich kennengelernt. Und was die Finanzen betrifft: Meine Arbeit hierzu leiste ich ehrenamtlich.

Wie steht es mit der Idee, im Rahmen Ihrer Konzerte, vielleicht auch einmal eine CD-Reihe erscheinen zu lassen?

Auch darüber haben wir schon nachgedacht, irgendwann einmal Konzerte aufzuzeichnen und eine CD-Reihe zu produzieren. Aber noch ist das Zukunftsmusik.

„Was hat Goethe mit Jazz zu tun? Bei einem Dichter, bei dem die Unmittelbarkeit des Augenblicks so wichtig ist, wie sie es für Goethe war, ist es eigentlich naheliegend, dass die Impro­visation als ein wesentliches Charakteristikum des Jazz zu seinem Welt- und Lebensbild passt, zumal er gesagt hat: Alle Kunst gefällt nur, wenn sie den Charakter der Leichtigkeit hat. Sie muss wie improvisiert erscheinen.“

 
Foto: Thomas Kalk