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Das Interview-Archiv

„Musik im Gespräch!“(05/06 2019)

Miro Dobrowolny: „Musikmachen ist für mich ein Dreiklang aus Komponieren, Improvisieren und Interpretieren!“

Miro Dobrowolny: „Musikmachen ist für mich ein Dreiklang aus Komponieren, Improvisieren und Interpretieren!“

 
Miro Dobrowolny, freischaffender Komponist, Geiger, Dirigent und Kurator, berichtete am 26. März im Gespräch in der Musikbibliothek Düsseldorf über seine vielfältigen musikalischen Aktivitäten. (Foto: Alexander Tsernes)

Interviewgast:

Miro Dobrowolny, geboren 1959 in Zagreb, aufgewachsen im Rheinland, Ruhrgebiet und Bergischem Land, studierte Violine, Komposition, Dirigieren, Kammermusik und Musikwissenschaft in Essen, Köln und Düsseldorf. Er ist Gründer und Leiter des „ART Ensemble NRW“, des „Festivals Klangräume Düsseldorf“ und des 2013 entstandenen „Klangraum 61“ in Düsseldorf sowie Initiator weiterer Festivals und Konzertreihen in der Region. Sein kompositorisches Schaffen umfasst mittlerweile rund 80 Werke verschiedener Gattungen wie Solowerke, Kammermusik, Orchesterwerke, Werke für Stimme(n) und szenische Werke (Bachs Bieroper, Zilverstad). Seine Stücke wurden bei der Edition Gravis (Berlin) verlegt und von verschiedenen Rundfunkstationen aufgezeichnet und gesendet. 2014 erschien seine Porträt-CD „Skordaturen“ beim Label Kreuzberg Records, Berlin in Kooperation mit dem WDR Köln. Miro Dobrowolny versteht sich als Brückenbauer zwischen Zeiten und Horizonten, zwischen Kunst- und Musikgattungen. Ihn faszinieren Kontraste und konzeptionell gebundene Normabweichungen in Klang und Raum. Es sind die für ihn bewusst gelebten „praktischen Fragezeichen“ seiner musikalischen Kunst, die sich für ihn als Dreiklang aus Komponieren, Improvisieren und Interpretieren bündelt. www.klangraum61.de / www.mirodobrowolny.de


Musikalische Umrahmung:

Mitglieder des ART Ensembles NRW

Miro Dobrowolny:

Toccata e Notturno für Klaviertrio (2 Sätze)

(Im Angedenken an Dmitri Schostakowitsch und die Opfer des Stalinismus)

Miro Dobrowolny, Violine

Othello Liesmann, Violoncello

Theodor Pauß, Klavier

Miro Dobrowolny:

Sonate für Violine und Klavier

(4 Sätze: 1. Moderato, 2. Dedikation: D. Terz, 3. Intermezzo, 4. Hommage)

Natalia Demina, Violine

Theodor Pauß, Klavier


Das „ART Ensemble NRW“:

Seit 1986 musiziert das ART Ensemble NRWnicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern Deutschlandweit und im Ausland. Gegründet und geleitet wurde und wird es von Miro Dobrowolny. Verschiedene Konzerte und Konzertreihen hat das Ensemble immer wieder durchgeführt. Es hat sich aber auch im Bereich Kammeroper profiliert, wo es im Jahr 2000 vom Stadttheater Krefeld/Mönchengladbach und vom Hebbel Theater für Produktion und Uraufführung der Kammeroper „Zauberflöte 2.2.“ von Stelzenbach/Hoyer in Krefeld und Berlin engagiert wurde. Neben städtischer Förderung wurde die Arbeit des Ensembles wiederholt vom Deutschen Musikrat, vom Kultursekretariat NRW, Landesmusikrat NRW, von Stiftungen, Ministerien und privaten Förderern ermöglicht. Fernseh- bzw. Rundfunksendungen erfolgten beim Hessischen und Westdeutschen Rundfunk. Oft wurde und wird das Ensemble auch zu Festivals im In- und Ausland eingeladen. Das Ensemble hat seinen Sitz in Düsseldorf-Flingern, wo es in seinem „Klangraum 61“ eigene Veranstaltungen durchführt: Einmal monatlich gestalten dort Musiker des Ensembles und Gäste die mittlerweile 43 Salons Neue Musik. Das Ensemble organisiert und wirkt maßgeblich mit beim Festival "Klangräume Düsseldorf", den Werkstattkonzerten und den Gladbacher Nachtmusiken und ist das Ensemble in Residenz von Musik 21 e. V., der Düsseldorfer Gesellschaft für Neue Musik.


Interview mit Miro Dobrowolny:

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

Ich muss etwa fünf Jahre alt gewesen sein. Da lebten wir – also meine Eltern, meine Geschwister und ich – noch in Zagreb. Wir hatten einen Nachbarn, der Musiklehrer war. Der nahm mich zu sich, machte mich mit der Musik bekannt und gab mir erste Unterweisungen mit Rhythmus- und Gesangs-Übungen. Und dann tat er noch etwas Besonderes und nahm mich mit ins Musik-Theater! Da gab es eine Aufführung, wobei mir nicht mehr in Erinnerung ist, um welches Stück es sich handelte. Ich fand das einfach extrem fantastisch! Dieser Lehrer führte mich nach der Aufführung hinter die Bühne zu den Kostümen, zu den Garderoben – und eröffnete mir damit die ganze, faszinierende Welt des Theaters. Da wurde ich mit dem Kunst-Theater-Musik-Virus infiziert, der mich seitdem nicht wieder losließ.

Wie verlief Ihre musikalische Entwicklung nach Ihrer Übersiedlung in Deutschland?

Dann gab es in meiner Biografie einen deutlichen Schnitt, als wir – da war ich etwa sechs Jahre alt – nach Deutschland auswanderten. Unter den damaligen politischen Verhältnissen war das eine sehr abenteuerliche Geschichte. Aber meine Familie und ich sind nacheinander dann doch heil hier in Deutschland angekommen. Mein Vater war Zahnarzt und Kieferchirurg und erhielt zunächst eine Stelle in Bonn, so dass wir nach mehreren Umzügen dennoch hier im Rheinland weiterlebten. Meine musikalischen Interessen konnte ich anfangs noch nicht verwirklichen, da ich direkt, ohne Deutsch zu können, in die erste Klasse kam und mich erst im neuen Land zurecht finden musste.

Und die Musik?

Mit der Musik konnte ich weitermachen, als ich neun Jahre alt und angekommen war. Da fing ich mit dem Geigenunterricht an. Zeitgleich beschäftigte ich mich schon mit dem Komponieren (erste Versuche: Variationen über die Variationen aus Haydns Kaiserquartett) und vor allem Musik hören. Nahezu täglich hörte ich auf Schallplatten u. a. Beethoven Sinfonien, besorgte mir die Partituren, las mit und fing auch schon an, die Schallplatten mitzudirigieren. Gleichzeitig erhielt ich an der Dortmunder Musikschule Unterricht in Tonsatz. Dort gab es ein Jugendsinfonieorchester, das mit der Musikhochschule kooperierte. Als Vierzehnjähriger durfte ich hier mitspielen, was mir einen außerordentlichen Schub in meiner musikalischen Entwicklung gab. Da haben wir größere Sinfonien oder sogar die Zirkuspolka von Strawinsky gespielt! Es gab auch ein Streichquartett mit Lehrern, die meine ersten Kompositionen aufführten – natürlich erst nach gründlichen Korrekturen aufgrund einiger musikalischer Ungereimtheiten! Nach dem Umzug nach Solingen, Ende der siebziger Jahre, spielte ich dort in drei Orchestern, u. a. in einem Kantatenorchester, wo ich eine große Menge an Bach-Kantaten kennenlernen durfte. Einmal im Monat – Sonntags um 10 Uhr mit vorheriger Probe – kamen diese zur Aufführung, was zuweilen einen 17-Jährigen nach einer Samstagsparty durchaus vor Herausforderungen nicht nur musikalischer Art stellte. Insgesamt waren diese Erfahrungen jedoch so prägend, dass ich beschloss, Musik zu studieren.

Welche Schwerpunkte verfolgten Sie in Ihrem Musik-Studium?

Nach meinem Abitur in Solingen habe ich nach bestandener Aufnahmeprüfung mein Musik-Studium an der Folkwang-Hochschule Essen (Abteilung Duisburg – eine kleine, sehr familiäre Einrichtung) aufgenommen. Das Klavier kam als zweites Instrument hinzu. Duisburg deshalb, weil meine Geigenlehrerin mir Hans-Christian Siegert als Professor empfohlen hatte, der dort unterrichtete. Hier traf ich auf andere Studenten, die ebenfalls komponierten. Schließlich lagen für mich schon damals Musizieren und Komponieren sehr dicht beieinander. Wir haben unsere Stücke untereinander ausgetauscht und kritisch besprochen. Es war dies auch die Zeit, als ich mein erstes Streichquartett gründete.

Welche Musik haben Sie sich da erarbeitet und aufgeführt?

Da haben wir am Anfang manchmal viel zu schwere Stücke gespielt, wie etwa von Franz Schubert „Der Tod und das Mädchen“, Quartette von Haydn und Beethoven – und sogar ein Quartett von Béla Bartók, was eine riesengroße Herausforderung war! In Duisburg gab es damals einen Kurs des Bartók-Quartetts aus Budapest, bei dem wir als junge Musiker teilnehmen durften, was unseren Enthusiasmus ungemein befeuerte, und wir immer intensiver diese Richtung verfolgten! In diese wunderbare, kreative Zeit mit Aufbruchstimmung fällt auch die Gründung meines ersten Ensembles – schließlich wollten wir die Stücke, die wir komponiert hatten, immer auch sofort ausprobieren! Diese unmittelbaren Feedbacks sind die beste Erziehungsmethode für einen jungen Komponisten! Es war auch die Zeit, als ich meine spätere Frau, Michaela Fritz, kennenlernte, die hier Blockflöte studierte.

Beschreiben Sie Ihre Entfaltung als Komponist und Musiker in den Bereichen Orchester-Musik, Kammermusik und Ensemble.

Nach meinem ersten Examen wechselte ich nach Köln. In der Zwischenzeit hatte ich hier in Düsseldorf schon bei Rosa Fain meinen Violin-Unterricht fortgesetzt. Sie war gerade – eine ehemalige Schülerin von David Oistrach – aus Russland nach Deutschland gekommen. Nach einem recht harten Jahr bei ihr konnte ich dann die ziemlich schwierige Aufnahmeprüfung in Köln schaffen. Dort bewarben sich schon immer viele Jungmusiker aus Asien und Amerika, die oft viel besser vorbereitet waren als wir. Das Studium in Köln machte mir ebenfalls viel Freude und Arbeit – zunächst bei Saschko Gawriloff, dann bei Berta Vollmer (Violine). Ebenso hospitierte ich in der Dirigierklasse von Prof. Volker Wangenheim und den Kompositionsklassen von Prof. Jörg Baur und Hans-Werner Henze. Um 1990 studierte ich in der Klasse von Prof. Dimitri Terzakis an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf Komposition.

Erläutern Sie bitte die Entstehung des ART Ensemble NRW.

Das ART Ensemble gründeten wir 1986 in Köln als Keimzelle unserer musikalischen Bemühungen mit einem konzeptionellen und durchgehenden roten Faden bis heute. Die komplette Bezeichnung „ART Ensemble NRW“ erfolgte erst später. Unmittelbarer Auslöser für die Gründung war eine Anfrage des Komponisten Matthias Buch, der gerade eine Ballettmusik „Das Hohelied Salomos“ komponierte und für die Uraufführung in Leverkusen nach einem Ensemble suchte, das wir dann unter meiner Leitung zusammenstellten und einsetzten. Hinzukam noch eine Bilder-Serie des Berliner Malers Gil Schlesinger sowie eine Ballett-Choreografie von Bruno Jaquin, so dass das Ergebnis eine sehr erfolgreiche, synästhetische Performance ergab! „Das Hohelied Salomos“ haben wir nach der Uraufführung dann auch an anderen Orten noch sehr oft gespielt. Dies war der eigentliche Start des ART Ensemble NRW!

 
Miro Dobrowolny (Violine), Theodor Pauß (Klavier) und Othello Liesmann (Violon- cello) – v. l. n. r. – spielen das Klaviertrio „Toccata e Notturno“, das Dobrowolny im Angedenken für Schostakowitsch und Stalinismus-Opfer komponierte.

Wie könnte man das besondere Profil dieses Ensembles charakterisieren?

Die thematischen Schwerpunkte wechseln zuweilen. Das synästhetische Thema zum Beispiel haben wir damals noch weiter bearbeitet und sind in Museen aufgetreten, indem wir die Kombination zwischen Bildender Kunst und Musik (synästhetisches Panoptikum) gesucht und gefunden haben. In den 2000-er Jahren war ein Schwerpunkt unserer Arbeit die sakrale Musik. U. a. mit der Uraufführung meines Requiems und der Heptalogie Missae (2002–2007). Das ART Ensemble NRW ist natürlich nicht mehr das gleiche wie 1986, sondern hat sich verjüngt und auch vergrößert. 1986 haben wir mit sieben Musikern angefangen. Heute sind wir ein Stamm von 12–15 Kollegen. Auch sind wir dabei, uns ins „Orchestrale“ zu erweitern – also von Solo, Kammermusik, Ensemble bis zum Orchester.

Spielen Sie auch Musik aus dem großen Konzertrepertoire?

Ja sicher. Grund dafür – oder Folge davon – ist die Fähigkeit und Bereitschaft, zwischendurch Repertoire-Musik, die es also schon gibt, zu spielen. Das ist eine andere und weitere Dimension, Musik öffentlich zu spielen. Zumal – bei aller Begeisterung und Kreativität – die Arbeit mit Uraufführungen eine wahnsinnig anstrengende Arbeit sein kann! Da kann Repertoire fast eine Erholung sein. Einmal (2002) gab es für uns sogar das besondere Projekt eines Open-Air-Proms-Konzerts im Rahmen der Landesgarten-Schau. Sonst finden sich in unseren Programmen auch Komponisten, wie Debussy, Bach, Gabrieli, Dukas – aber gerne mit Bezügen zu heutigen Werken und Themen.

Dann spielen Sie also auch alte Musik?

Alte, neue und vor allem eigene Musik (ebenso simultan mit mehreren Komponisten) – das ist die große Bandbreite vom ART Ensemble NRW. Dazu gehören ebenso Bearbeitungen von Orchestermusiken zur Ensemble-Größe – nicht nur um Geld zu sparen, sondern auch wegen der künstlerischen Durchführbarkeit. So kann man die künstlerische Substanz eines Werkes heraus-präparieren und verdeutlichen.

Was versteht man unter dem „Klangraum 61“?

Der Klangraum 61 besteht seit 2013 in Düsseldorf-Flingern und stellt gewissermaßen den Heimathafen für das ART Ensemble NRW dar. Es handelt sich dabei um ein typisches ebenerdiges Ladenlokal, das wir als Mietobjekt für kleinere Konzerte wie „Salon Neue Musik“, für Proben, Versammlungen unseres „Vereins für Neue Musik“ sowie für Interviews und Gespräche nutzen.

Als weiteren Profilpunkt erwähnten Sie das Improvisieren?

Improvisieren ist immer wieder ein Thema bei uns: Etwa bei den Klangräumen in Düsseldorf, die auch in diesem Sommer wieder durchgeführt werden. Zum Beispiel mit einem Kanalkonzert in Golzheim (5. Juli). Gerade in der Dunkelheit unter der Erde, wo die einzelnen Musiker u. U. über eine größere Entfernung postiert sind und sich nicht sehen können, sind Improvisationen das ideale Mittel der Wahl!

Was kann man sich unter den „Kanalkonzerten“ vorstellen?

Wir suchen und bespielen also nicht nur die normalen Konzert-Säle, sondern auch für die Musik sehr ungewöhnliche, abseitige, aber umso mehr – wie wir überzeugt sind – die Funktion von Musik erweiternden Räumlichkeiten. Nicht nur in der Neanderkirche oder in der Berger Kirche hier in Düsseldorf, im Golzheimer Besucher-Kanal (mit 170 Meter Länge und Knick), sondern sogar auch im Wohnwagen!

Ein Wohnwagen als Konzertsaal?

Da haben wir einen kleinen Wohnwagen mitten auf den Düsseldorfer Schlossplatz gestellt und da drin musiziert: ein bis zwei Musiker für maximal zwei bis drei Zuhörer – möglicherweise der kleinste Konzertsaal der Welt! Das war sehr eindrucksvoll: Während wir drinnen musizierten, waren von draußen durchaus einige lautstarke Junggesellen-Abschiede nicht zu überhören! Auch die Schiffe, die auf dem Rhein vorbeifuhren, waren zu hören. Aber diese Einflüsse von außen störten überhaupt nicht, weil sich drinnen im Wohnwagen eine sehr konzentrierte Atmosphäre zwischen Musikern und Zuhörern entwickelte.

Dann legen Sie also auf Akustik und Aura eines Konzertraums viel Wert?

Wir sind immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Räumen, in denen wir konzertieren können. Die Räumlichkeit, also die Akustik, auch die Aura, die Wirkung eines Raumes, ist in der Musik ja ganz entscheidend! Das bringt mich dann zu Überlegungen, welche Stücke sich in welchen Räumen am besten präsentieren lassen. Der Raum ist ein ganz wichtiger Partner des Musikers!

Sie benutzen teilweise tradierte Begriffe der Musikgeschichte, aber teilweise auch wieder nicht. Wie ist das zu verstehen?

Klaviertrio, Streichquartett, Toccata, Notturno, Sonate, Satz – Opus und Tonart aber nicht. In meinen Stücken gibt es „Zentraltöne“, allerdings keine Dur-moll-Tonalität, obwohl es sich bei meinen Stücken um „tonale“ Musik handelt, wenn man so will. Diese Musik ist immer wieder sehr expressiv. Opus-Zahlen empfinde ich als etwas altmodisch, als bürgerliches Relikt des 19. Jahrhunderts. Andererseits ändert sich auch immer mal wieder etwas in und an den Stücken. Es ist ein historischer Fluss, der oft Bezug nimmt auf geschichtliche Ereignisse (zum Beispiel Erster Weltkrieg / „Soldier Tales“) und auf Persönlichkeiten (zum Beispiel Schostakowitsch). Ich beziehe mich oft und gerne auf Fundstücke – seien sie musikalischer oder historischer Art – zum Beispiel im glagolitischen Choral (Requiem) oder bei den Skordaturen.

 
Natalia Demina (Violine) und Theodor Pauß (Klavier) präsentieren die „Sonate für Violine und Klavier“ von Miro Dobrowolny, die er seinen Lehrern widmete.

Was ist ein glagolitischer Choral?

Dies ist eine kirchenmusikalische Gattung, die auf das 9. Jahrhundert zurückgeht, als die Mönche Kyrill und Method aus Byzanz nach der Völkerwanderung die Slawen missionierten. Sie hatten dafür, für die Sprache der Slawen, eine besondere Schrift entwickelt, die später zu Kyrillisch und in Kroatien zu Altkirchenslawisch bzw. Glagolitisch wurde. So konnten die missionierten Völker die Messe und die Choräle singen. Da die Kroaten katholisch waren und der römischen Kirche unterstanden, war das eher nicht erwünscht. Denn in der römisch-katholischen Messe wurde nach wie vor in lateinischer Sprache gepredigt und gesungen. Die katholischen Kroaten hatten aber das Privileg, neben der lateinischen Messe auch den glagolitischen Choral in ihrer Sprache singen zu dürfen, der nicht einstimmig ist, sondern mehrstimmig.

Zeichnet sich der glagolitische Choral durch eine besondere Intonation aus?

Der glagolitische Choral besitzt keine temperierte Intonation, sondern es gibt Intervalle und Töne, die in gewisser Weise (als Methode!) verstimmt sind. Er hat sich über die Jahrhunderte hinweg in mündlicher Überlieferung – vor allem auf den Inseln und an der Küste Kroatiens – erhalten. Dazu gehören bestimmte Musikinstrumente wie die sogenannte „Sopile“ (eine Schalmeien-Art) mit eindringlichem Klang. Etwa bei Hochzeiten spielen immer zwei Musiker gleichzeitig auf diesen Instrumenten, die gegeneinander bewusst verstimmt sind. Dies kann unseren hiesigen musikalischen Vorstellungen und Gewohnheiten u. U. sehr zuwiderlaufen und bisweilen nicht nur als ausdrucksvoll, sondern auch als schmerzhaft empfunden werden.

Wie verwenden Sie Elemente des glagolitischen Chorals?

Diese Erscheinungen kann man mitunter in meinen Stücken heraushören, wo sich „Melodien“ auch schon einmal zwischen den Halbtönen bewegen, und Vierteltöne eine Rolle spielen. Allerdings werden in meinen Stücken melodische Linien immer wieder von der Horizontalen (Melodie) „geklappt“ und in die Vertikale (Akkorde) verklanglicht.

Und was sind Skordaturen?

Darunter versteht man das bewusste Umstimmen von Streichinstrumenten, indem die Saiten anders als üblich gestimmt werden. Es handelt sich dabei um eine alte Tradition, wie sie auch von Ignaz Biber, einem böhmischen Geiger und Komponisten der Barockzeit, verwendet wurde. Er schrieb u. a. 16 Mysterien-Sonaten zu Ehren der Heiligen Maria, wo bei jeder Sonate die Geige anders gestimmt wird, was mitunter sehr abenteuerlich klingt. Mozart hat diese Methode ebenfalls benutzt – etwa in seiner „Sinfonia concertante“ für Violine und Viola in Es-Dur. Diese Tonart ist für Streicher, besonders Bratsche, nicht sehr angenehm zu spielen, so dass sie umgestimmt wurde, um in D-Dur zu greifen.

Was fasziniert Sie so sehr an der Skordatur?

Was mich daran so sehr inspiriert, ist nicht nur, dass man die Töne verändert, sondern auch der Klang eines Instrumentes verändert wird. Dadurch wird die Balance, die das Instrument normalerweise hat, aufgehoben. Othello Liesmann, unser Cellist im ART Ensemble, sagt dann immer, das Instrument sei „beleidigt“, wenn man es in die Ausgangsstimmung zurückstimmt. In meinem Stück „Bridges“ für 7 Streicher, das 2009 in der Düsseldorfer Tonhalle in einem Konzert uraufgeführt und vom WDR aufgenommen und gesendet wurde, wird von der Skordatur vielfältig Gebrauch gemacht: 3 Streicher sind skordatiert (umgestimmt) und 4 Streicher sind normal gestimmt, so dass da eine sehr interessante Klangfläche entsteht. Gegen diese Skordaturen setze ich manchmal ganz gerne sogenannte „Akkordaturen“ für die Instrumente Klavier und Akkordeon, die sich nicht so leicht „verstimmen“ lassen. Dadurch entsteht dann ein sehr ausdrucksreiches Spannungsfeld. Auch mein Stück „Da wandte er sich um…“ für Streichquartett und Akkordeon arbeitet mit dieser Methode.

 

Wie erleben Sie Düsseldorf als Klangraum – d.h. als Musikstadt?

Das ist keine ganz leichte Frage! Einerseits ist Düsseldorf eine starke Musikstadt auf einem hohen Niveau. Viele hervorragende Musiker und Veranstaltungen, die Oper und die Tonhalle, garantieren dieses hohe künstlerische Niveau. Andererseits – und das ist keine Düsseldorfer Eigenart – kommt die Avantgarde zu kurz. Das Neue hat es schwerer. Bei den großen Konzertveranstaltern, aber auch bei der schwachen Berichterstattung in der Zeitung. Wagnisse einzugehen, erfordert in Zeiten von (populären) Massenkonzerten und finanziellem Druck, der auf Effektivität drängt (Musik als Geschäft), Mut und Aufwand. Tendenziell ist Düsseldorf recht traditionell aufgestellt. Ein wenig zu viel 19. Jahrhundert im Konzertleben, würde ich sagen. Der wichtigste Düsseldorfer Komponist Robert Schumann, ein Avantgardekomponist, brachte es auf den Punkt: "Ehre das Alte hoch, bringe aber auch dem Neuen ein warmes Herz entgegen. Gegen dir unbekannte Namen hege kein Vorurtheil." Ich meine, dass man hier die Szene der zeitgenössischen Musik stärker fördern und ihr mehr Aufmerksamkeit und ein „warmes Herz“ entgegen bringen sollte. Dasselbe gilt auch für die „alte“ Musik. Denn alte und zeitgenössische Musik sind extrem inspirativ, weil hier viel ausprobiert wird. Im Unterschied fährt das größte Konzerthaus in der Stadt einen Kurs, der doch ein wenig konservativ ist, damit der Saal gefüllt ist.

Aber sind die hohen Auslastungszahlen zum Beispiel der Tonhalle nicht wichtig?

Wenn man geschäftsmäßig denken muss, besteht zwangsläufig die Aufgabe, hohe Einnahmen zu erzielen. Damit das geschehen kann, muss man möglichst viele bekannte Stücke spielen, damit möglichst viele Menschen diese Konzerte besuchen. Und besucht wird meistens das, was man schon kennt. Da kommt aber dann doch manchmal die Kunst im Heute etwas zu kurz. Was ich hier kritisch finde, ist zum Beispiel die schon länger dauernde, sich mir künstlerisch nicht erschließende, programmatische Kombination von Haydn und Mahler, die dem Fortschritt der Musik nicht unbedingt dienlich ist. Gewiss, es passiert hier in der Stadt mit dem notabu.ensemble neue musik und dem ART Ensemble NRW schon einiges. Seit 2013 haben wir, allein in Düsseldorf und außerhalb, über 120 Konzerte gegeben! Das ist schon ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern und gegenüber der Neuen-Musik-Metropole Köln aufschließen kann.

Welche Wünsche haben Sie an Ihre berufliche Zukunft: Pläne, Ideen, Träume?

Wenn ich etwas in der Klasse von Hans-Werner Henze gelernt habe, dann war es sein Spruch: „Seid fleißig!“ Er war ja extrem aktiv und arbeitsam. Als Komponist muss man schon viel machen – nicht nur komponieren. Sondern auch vernetzen! Man muss managen. Unter anderem muss man schauen, dass die Stücke auch aufgeführt werden, die man komponiert hat. Das passiert nicht von alleine. Zum Glück habe ich den Vorteil, dass ich mit unserem ART Ensemble NRW viel machen kann. Dazu brauchen wir allerdings bessere Rahmenbedingungen. Zum Beispiel analog zum Tanzhaus ein Haus der Neuen Musik. Ferner bessere Probenbedingungen und geeignete Aufführungssäle. Wenn es ins Symphonische oder Opernhafte geht, woran ich auch immer wieder arbeite, da wird es schon schwieriger. So etwas können wir nicht alleine stemmen, dazu benötigt man eine große Institution.

Das Interview führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Fotos: Thomas Kalk, Leiter der Musikbibliothek.

Weitere Informationen:

Miro Dobrowolny:

Skordaturen (CD)

C + P: 2013 by www.kreuzberg-records.de / kr 10113

ISBN: 4-018262-261134

Konzerttermine 2019:

29.06.–06.07. Klangräume Düsseldorf

03.11. New Counterpoint mit 5 Uraufführungen (Jazz-Schmiede)

www.klangraum61.de

Youtubekanal: Klangraum 61

Skordaturen
 
Miro Dobrowolny und Prof. Dr. Hartwig Frankenberg bei „Musik im Gespräch!“ am 26. März 2019 in der Musikbibliothek Düsseldorf.

INTERVIEWREIHE „MUSIK IM GESPRÄCH“: WEITERE TERMINE 2019 / 2020

Zeit: 20:00 Uhr

Ort: Zentralbibliothek / Musikbibliothek / Lesefenster

Bertha-von-Suttner-Platz 1
40227 Düsseldorf


Julia Polziehn, Cellistin, Dozentin, Regisseurin

Christel Paschke-Sander, Vorsitzende Chorverband Düsseldorf

Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführende Direktorin Deutsche Oper am Rhein

Constanze Pitz, Künstlerische Leiterin des Clara-Schumann-Kammerchores Düsseldorf

Thorsten Pech, Kantor, Organist und Chorleiter, Künstlerischer Leiter des Bachvereins Düsseldorf

Franz-Josef Birk, Konzertpianist

Martin Wistinghausen, Sänger und Komponist

Dr. Manfred Heidler, Oberstleutnant
Zentrum Militärmusik der Bundeswehr, Bonn

Catriona Böhme, Viola Campanula
Anna Seropian, Klavier