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„Musik im Gespräch!“(07/08 2017)

Mark-Andreas Schlingensiepen„Eigentlich sind meine Kompositionen auch Reflexionen darüber, was und wie ein Publikum hört!“

Mark-Andreas Schlingensiepen„Eigentlich sind meine Kompositionen auch Reflexionen darüber, was und wie ein Publikum hört!“

 
Der Komponist und Dirigent Mark-Andreas Schlingensiepen als Gast bei „Musik im Gespräch!“ am 30. Mai 2017 in der Düsseldorfer Musikbibliothek.Foto: Thomas Kalk

Mark-Andreas Schlingensiepen studierte in Düsseldorf bei Max-Martin Stein (Klavier) und Wolfgang Trommer (Dirigieren). Als Komponist und Dirigent leitet er hier seit über 30 Jahren das notabu.ensemble neue musik u.a. mit regelmäßigen Konzerten in der Tonhallen-Konzertreihe „Na hör'n Sie mal…!“. Er hat mit zahlreichen Orchestern in ganz Europa zusammengearbeitet und weltweit konzertiert. Neben der zeitgenössischen Musik, die zur Zusammenarbeit mit Friedrich Cerha, Heinz Holliger, Beat Furrer, Wolfgang Rihm und vielen anderen führte, ist ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit die Live-Musik zu Stummfilmen. Schlingensiepen schrieb unter anderem Partituren zu „Panzerkreuzer Potemkin“; „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“; „Faust. Eine deutsche Volkssage“ - Kompositionen, die entweder auf Klavierauszügen der Originalmusik basieren oder neue Ansätze verfolgen. Außerdem schrieb er kammermusikalische Werke wie „Totentanz“ nach einer Bilderwand von Felix Seiler. (www.schlingensiepen.info).

Grzegorz Stopa, 1973 in Polen geboren, studierte Akkordeon an der Frédéric-Chopin-Musikakademie in Warschau und an der Folkwang Hochschule Essen. Als Preisträger vieler Solo- und Kammermusik-Wettbewerbe führten ihn zahlreiche Konzerttourneen durch Europa und Asien. So trat er mehrfach im Wiener Konzerthaus, im Concertgebouw Amsterdam, in der Tonhalle Düsseldorf, in der Casals Hall und in der Kioi Hall Tokio auf. Als erster Akkordeonist debütierte er 2003 im Rahmen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und 2009 mit einem Soloprogramm im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Grzegorz Stopa hat sich besonders mit seinem Engagement für die zeitgenössische Musik einen Namen gemacht und arbeitete mit Komponisten wie Kalevi Aho, Sofia Gubaidulina, Sven-Ingo Koch, Bojdar Spassov, Makoto Nomura und Mark-Andreas Schlingensiepen zusammen. 2005 wurde er als Professor und Leiter der internationalen Akkordeonklasse an die Privatuniversität Konservatorium Wien und 2009 an die Hochschule für Musik Detmold berufen.

Musikalisches Rahmenprogramm am 30.5.2017 mit Prof. Grzegorz Stopa am Akkordeon:

Mark-Andreas Schlingensiepen: Zeichnungen I-IV (1999-2013)

Markus Hofer (*1949): memento mori (2016)

Tan Dun (*1957):

Herdboy´s Song und Sunrain aus Eight Memories in Watercolor Op. 1 (1978-79)

Mark-Andreas Schlingensiepen: „Eric lässt grüßen“ Uraufführung!

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit der Musik erinnern?

Ich stamme aus einem evangelischen Pfarrhaus und wurde im englischen Bradford geboren. In diesem Kontext war die Musik selbstverständlicher Bestandteil des Haushaltes. In Familie und Verwandtschaft gab es durchaus Menschen, die sich ans Klavier setzten und irgendetwas spielten. So wurde auch bei mir der erste Impuls durch das Klavier ausgelöst, indem ich ohne Noten eigene Melodien und Klänge zu Gehör brachte. Neue, zeitgenössische Musik war das natürlich noch nicht, wie überhaupt die im Elternhaus vernommene Musik eher dem klassischen Repertoire angehörte. Das Modernste war vielleicht gerade mal Bartok. Ich erinnere mich, dass es in dem Plattenschrank meiner Eltern eine Aufnahme gab mit Mozarts Sinfonia Concertante für Violine, Bratsche und Orchester in Es-Dur (KV 364) mit einem Prager Ensemble, dessen Name und auch den Namen des Dirigenten ich nicht mehr erinnere. Aber diese Aufnahme habe ich immer wieder leidenschaftlich gerne gehört. Dies war ein musikalisches Schlüsselerlebnis, wie das viele Menschen kennen.

Wie hat sich Ihr Musizieren und Ihr Interesse an der Musik weiterentwickelt?

Beruflich durch einen Stellenwechsel meines Vaters bedingt, zogen wir irgendwann nach Berlin, wo ich nun „richtigen“ Klavierunterricht erhielt, obwohl ich eigentlich lieber Geige gelernt hätte. Leider konnte meine Klavierlehrerin mit meinen kreativen Fähigkeiten gar nichts anfangen, während ich mit ihren dogmatischen Ansichten überhaupt nicht zurechtkam. Als ich 15 war, zogen wir schließlich nach Düsseldorf und ich kam in das Haus von Max-Martin Stein, den mir meine Berliner Klavierlehrerin als ihre einzige „pädagogisch wertvolle“ Tat vermittelt hatte. Sie hatte wohl mit ihm zusammen studiert. Ich erhielt dann Klavierunterricht bei seiner Tochter, was für mich eine regelrechte musikalische und klaviertechnische Offenbarung war. Es war die Zeit, als ich auch Michael Rische und Udo Falkner kennenlernte, die beide schon - natürlich bei Max-Martin Stein - studierten. Ich schaffte dann ebenfalls die Aufnahmeprüfung und war einer der letzten Schüler von Stein. Zum Klavier nahm ich wenig später noch das Dirigierstudium auf.

Wann entdeckten Sie Ihre Lust zu Komponieren?

Die Lust am musikalischen Fantasieren war mir ja schon von Anfang an gegeben. In der Musik habe ich also eigentlich mit dem Kreativen angefangen! Als kleiner Junge, als ich überhaupt noch keine Noten lesen konnte, haben mich die schwarzen Tasten eines Klaviers besonders fasziniert: Ihr Erscheinungsbild als gegliederte und optisch leicht erfassbare Gruppierung in Zweier- und Dreier-Päckchen erleichterte einfach die Orientierung. Was normalerweise bei Klavierschülern eher Angst und Schrecken verbreitete - nämlich Stücke mit den berühmten Vorzeichen wie Cis, Dis, Fis, Gis usw. - das diente mir als kreatives Material und regte meine Improvisationskunst ungeheuer an! Als ich dann Noten lesen konnte, habe ich natürlich angefangen, selbst erdachte Stücke auch aufzuschreiben. Diese Heftchen habe ich immer noch!

 
Schlingensiepen: „Je mehr interessierte Menschen und engagierte Institutionen an dem Projekt Neue Musik aktiv beteiligt sind, desto besser!“Foto: Thomas Kalk

Wie kam es zur Gründung des „notabu.ensemble neue musik“?

Als ich bei Max-Martin Stein studierte, hatte ich bis dahin eigentlich noch keinerlei Kontakt zur zeitgenössischen Musik gehabt. Im Dirigierunterricht bei Wolfgang Trommer, der damals das „Düsseldorfer Ensemble“ leitete, das Neue Musik spielte, stellten sich dann erste Verbindungen zur Neuen Musik her. An der Hochschule hier in Düsseldorf unterrichtete damals noch Günther Becker Live-Elektronik und Komposition, wofür ich mich fachlich und persönlich interessierte. Als mein Studium fast zu Ende war, gab es eine Studenten-Initiative an der Hochschule mit Musikstudenten, denen es ähnlich ergangen war wie mir: Wir studierten im 20. Jahrhundert Musik und hatten praktisch keine Möglichkeit, die Musik kennen zu lernen, die „jetzt“ komponiert wurde und aktuell war.

Wie hat Günther Becker auf Ihre Sorgen reagiert?

Dieses Problem besprachen wir mit Günther Becker, der uns sofort verstand und vorschlug, nach Rücksprache mit der Hochschulleitung, ein Ensemble für und mit Neuer Musik zu gründen. Im Dezember 1983 war es dann soweit, dass Günther Becker für die Hochschule das „Ensemble Neue Musik“ gründete, dessen Leitung ich übernehmen durfte. Dafür gab es keinerlei finanzielle Unterstützung und auch (noch) keinen Lehrauftrag, den ich nach 3 Jahren erhielt und etwa 20 Jahre erfüllte. 1992 haben wir das Gründungs-Ensemble dann verselbständigt und ihm gleichzeitig den neuen Namen „notabu.ensemble neue musik“ gegeben. Es sollte ein Name sein, der im Gedächtnis der Öffentlichkeit hängen bleibt, was offensichtlich funktioniert hat, denn zwei Jahre später erhielt das Ensemble dann sogar den Förderpreis für Musik der Stadt Düsseldorf.

Welche Möglichkeiten hatte das notabu.ensemble, in der Öffentlichkeit zu wirken?

Günther Becker hatte dem Ensemble, als es noch eine reine Hochschul-Institution war, eine ganze Zeit lang zu Auftritten im Helmut-Hentrich-Saal der Tonhalle verholfen. Gespielt haben wir damals Werke von Studenten aus seiner Kompositionsklasse und vor allem - auf Empfehlung von Becker - die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts wie Arnold Schönbergs „Kammersymphonie“ oder Edgar Varèses „Octandre“. Inzwischen sind wir zusammen mit mir 29 Mitglieder im Ensemble, von denen einige wenige zu den Gründungsmitgliedern gehören. Die meisten von uns sind aber schon mindestens seit ca. 10 Jahren mit dabei. Bis 2005 habe ich außerdem weiter Ensemblearbeit als Leiter des „Studios für Neue Musik“ an der Hochschule gearbeitet. Leider gibt es in der Hochschule heute kein „Studio für neue Musik“ mehr, was ich sehr bedauerlich finde, weil es für das Thema „Neue Musik“ auf diese Weise keine angemessene Repräsentanz in dieser Institution gibt.

Sie verfügen über ausgedehnte Konzerterfahrungen außerhalb von Düsseldorf. Was können Sie darüber berichten?

Nach meinem Examen 1983 habe ich - wie man das als junger Dirigent nun mal so macht - versucht, in verschiedene Himmelsrichtungen Kontakte zu knüpfen. Ich hatte einen Schweizer Musikwissenschaftler kennengelernt, der sich intensiv mit dem Dirigenten Hermann Scherchen beschäftigte. Dieser hat „eine Epoche lang“ das Stadtorchester Winterthur geleitet. Mein erster Versuch, mit diesem Ensemble in Kontakt zu kommen, das in den 1980er Jahren von Franz Welser-Möst geführt wurde, scheiterte zunächst. Einige Wochen später erhielt ich jedoch das überraschende Angebot, bereits 10 Tage später ein Sinfoniekonzert zu leiten mit dem „Magnificat“ für Alt, Bratsche, Chor und Orchester von Heinrich Kaminski, „Kette, Kreis und Spiegel“ von Ernst Krenek und der Uraufführung eines Flötenkonzerts des Schweizer Komponisten Mathias Steinauer.

Wie erklärten Ihre Auftraggeber den Sinneswandel?

Der Chefdirigent Welser-Möst sei plötzlich von einer Augenkrankheit befallen - und man frage an, ob ich mir die Leitung des geplanten Sinfoniekonzertes vertretungsweise so kurzfristig vorstellen könne und zutrauen würde. Ich sagte mutig unter der Bedingung zu, dass mir ein Pilot der Swissair, die es damals noch gab, die erforderlichen Partituren noch am selben Tag überreichen würde. Ich hatte es nicht weit zum Flughafen. Das klappte prima, so dass ich am selben Tag noch mit den umfangreichen Vorbereitungen beginnen und dann bald nach Winterthur fahren konnte.

Wie haben Sie es geschafft, in kürzester Zeit mit einem fremden Orchester erfolgreich zusammen zu arbeiten?

Zunächst einmal habe ich damals gelernt, dass man - gerade auch als neuer und unbekannter Dirigent - Wege finden muss, eine satte Mehrheit des Orchesters auf seine Seite zu bringen. Dies geht nie mit einem ganzen Orchester, das ja aus 60 bis manchmal 120 Musikern besteht. Dabei gibt es aber meistens mindestens eine Hand voll Orchestermitglieder, die (aus welchen Gründen auch immer!) keine Lust haben oder das Vorgehen des Dirigenten schlichtweg ablehnen. Als Dirigent müssen Sie dem Orchester grundsätzlich das Gefühl vermitteln, dass sie die musikalische Kompetenz jedes Einzelnen hoch achten - aber Sie als Dirigent die Entscheidung über das Ganze beanspruchen. Man muss als Dirigent mit den Orchestermusikern unbedingt kommunizieren können! Sei es als Psychologe oder Rattenfänger - egal, eine Woche lang muss es Ihnen gelingen, dass das Orchester Ihnen folgt!

Mark-Andreas Schlingensiepen: Zeichnungen I–IV (1999–2013)

Es handelt sich um einen Zyklus von 4 Stücken für Akkordeon, bei denen jedes Stück einem eigenen Widmungsträger zugetan ist. Technische Aspekte des Zeichnens aus der bildenden Kunst werden hierbei ins Musikalische übertragen. Bei der ersten ist dies die Linie, bei der zweiten Zeichnung steht die Idee der „Schraffierung“ im Mittelpunkt, während bei der dritten die „Fläche“ und bei der vierten der Gedanke der „Abstraktion“ behandelt wird. (Schlingensiepen)

Wie haben Sie diese Erkenntnisse bei Ihrem Höllentripp in Winterthur umgesetzt?

Besagtes Flötenkonzert von Mathias Steinauer hatte - mit Blick auf die Uraufführung - vom Chefdirigenten Welser-Möst schon einige Korrekturen über sich ergehen lassen müssen. Dem Stück ging ein „gefährlicher“ Ruf voraus, so dass das Orchester sich dann durch die Erkrankung des Dirigenten und angesichts meiner Vertretung als totaler Nobody in leichter Panik befand. Dies wurde mir bei den Proben sofort deutlich. Ich hatte ganz praktisch z.B. für etliche aleatorischen Stellen der Komposition (von Steinauer) zeichensprachliche Lösungen überlegt, deren Anwendung das Orchester wie einen Geheimbund empfand. Sie hatten jedenfalls Freude dran. Damals habe ich gelernt, wie man ein Orchester auf seine Seite bringen kann. Jeder Fall ist aber anders.

Zu welchen Konsequenzen führte dieser Erfolg?

Dieses Konzert war so erfolgreich, dass man mich dort sofort für zwei Spielzeiten mehrfach als Gastdirigent engagierte! Da habe ich dann Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert usw. dirigiert. Nicht immer gelang es, die gewünschten Ziele im Detail zu erreichen, das Orchester zu überzeugen. Insgesamt habe ich dort aber - auch mit klassischer Musik - wunderbare Erfahrungen gemacht, bis Heinrich Schiff Chefdirigent wurde. Der hatte andere Gäste, die er einladen wollte.

 
Grzegorz Stopa hat sich besonders mit seinem Engagement für die zeitgenössische Musik einen Namen gemacht.Foto: Thomas Kalk

Berichten Sie ein wenig über Ihr Projekt Livemusik zu (Stumm-)Filmen!

Auch an dieses in der Folge für mich so wichtige Thema bin ich eher zufällig gekommen. Es gab damals (in den 1980er Jahren) an der Hochschule einen Filmhistoriker, Dr. Lothar Prox, der sich mit dem Thema Livemusik zu Stummfilmen befasste. Er hat meist originale Klavierauszüge - selten mehr - zu Stummfilmen ausgegraben, um dann beides zur Wiederbelebung der alten Praxis zusammenzuführen. Mein erstes Projekt war der Film „Misère au Borinage“ von Joris Ivens, den mein Lehrer Trommer mit seinem Düsseldorfer Ensemble begleiten sollte. Trommer empfahl mich. Und da mich alles Neue interessierte, habe ich das gerne übernommen. Das Ensemble bestand aus 5-6 Düsseldorfer Symphonikern und zwei Sprechern, mit denen zusammen ich in verschiedenen Museen in NRW, in Belgien, in Holland, wo es Ausstellungen zum Thema Arbeiterfotografie gab, aufgetreten bin.

Markus Hofer (*1949): memento mori (2016)

Auch dieses Stück fasziniert mit den reichen Differenzierungsmöglichkeiten des Akkordeons. Es ist ein Instrument, das (etwa im Unterschied zur Geige) durchaus noch konstruktive Möglichkeiten der „Produktentwicklung“ bietet, mit denen sich auch Grzegorz Stopa intensiv befasst, um Klangqualität und Klangvolumen zu erweitern und zu verändern. Das Stück selbst erinnert diskret, aber hinreichend konkret an den Tod, der irgendwann auf uns zukommt: So das Geräusch des Atmens als vitale Lebensfunktion oder eine Art Zwiegespräch zwischen tröstenden Klängen geistlicher Musik und ängstlich-bangem Fragen. (Schlingensiepen)

Kam es zu Folgeaufträgen?

Dieses erste Projekt gelang offenbar so gut, dass weitere Anfragen kamen. Etwa Robert Wienes wunderbarer Film „Das Cabinet des Doktor Caligari“ zusammen mit der Jungen Deutschen Philharmonie. Dieser expressionistische Stummfilm aus dem Jahr 1919 ist ein Meilenstein der Filmgeschichte. Darauf folgten an verschiedenen Orten viele weitere Stummfilme wie „Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergei Michailowitsch Eisenstein mit der Musik von Edmund Meisel in meiner Orchesterfassung - ebenfalls ein Auftrag der Jungen Deutschen Philharmonie. Übrigens war David Shallon der Dirigent meiner Partitur, der hier in Düsseldorf von 1987 bis 1993 als Generalmusikdirektor arbeitete.

Schildern Sie bitte anhand einiger Beispiele Ihren Beitrag zum Musiktheater

Der übliche Weg als junger Dirigent führt an ein Opernhaus, wo man als Korrepetitor tätig wird, was aber nicht so recht meinen Interessen entsprach. Dennoch konnte ich ganz interessante musiktheatralische Erfahrungen sammeln: So habe ich 36 mal die Operette „Frau Luna“ von Paul Lincke dirigiert. Was aber vielleicht noch spannender war, waren „Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill zusammen mit Ute Lemper als Tänzerin und Sängerin, mit Henning Backhaus als Regisseur. 1990 fand zum 40. Todestag und 90.Geburtstag des Komponisten hier in Düsseldorf ein Kurt-Weill-Festival statt - das erste Festival seiner Art überhaupt. Da Tonhallen-Intendant Peter Girth etwas unvermittelt nach Darmstadt wechselte, fiel die Aufgabe an mich, das Festival zu einem guten Ende zu führen.

 
Schlingensiepen: „Die Musikgeschichte muss fortgesponnen werden, damit Musik lebendig bleibt!“Foto: Thomas Kalk

Tan Dun (*1957): „Herdboy´s Song“ und „Sunrain“, aus Eight Memories in Watercolor Op. 1 (1978–79)

Die beiden Stücke zeigen sehr schön, dass vieles in der Neuen Musik möglich ist. Sie demonstrieren regelrecht, dass man in der zeitgenössischen Musik durchaus auch spielerische und melodiös klingende Kompositionen finden kann, die sich auf dem Akkordeon besonders anschaulich präsentieren. So fühlt man sich als Hörer bei „Herdboy‘s Song“ klanglich nach Asien versetzt, während „Sunrain“ die Grund-Charakteristik des Akkordeons zu betonen scheint. (Schlingensiepen)

Wie erleben Sie „Neue Musik in Düsseldorf“ früher und heute - welche Chancen liegen in der Zukunft?

In früheren Jahren zeigte sich die neue Musik hier in Düsseldorf kämpferischer als heute - gerade auch unter schwierigen Umständen. Es waren die Zeiten, als Günther Becker mit Konzerten wie „Die Bratsche in der Neuen Musik“ versuchte, dem Publikum moderne Musik moderierend näher zu bringen.

Vor allem aber war es dann Oskar Gottlieb Blarr, der über 40 Jahre in der Neanderkirche mit „Drei Mal Neu“ ein Forum für zeitgenössische Musik konzipierte und organisierte. Auf diesem Boden kam dann das notabu.ensemble neue musik ins Spiel mit seinen verschiedenen Programm-Konzepten, darunter auch für lange Jahre eine Biennale der Neuen Musik mit dem Titel „Ohren auf Europa“ und seinem inzwischen angestammten Spielort im Helmut-Hentrich-Saal der Tonhalle.

Ist Düsseldorf ein idealer Ort für Neue Musik?

Meiner Meinung nach ist das Thema „Neue Musik“ hier in Düsseldorf insgesamt noch immer deutlich zu schwach vertreten! Es ist manchmal ein seltsames Thema. Als ich als Neunzehnjähriger von Winfried Zangerle, damals Leiter des Düsseldorfer Marionettentheaters, meinen allerersten Kompositionsauftrag erhielt, fragte er mich, ob Komponisten nicht mehr so schreiben könnten wie Schubert in seinem Forellenquintett. Ich habe mich bemüht, ihm zu erklären, dass man so etwas versuchen könnte und an der Qualität wohl scheitern müsste - aber, dass kein ernstzunehmender Komponist das überhaupt anstrebe. Wir haben ausführlich darüber diskutiert. Das Stück für das Marionettentheater begann dann schließlich mit Schuberts Variationssatz aus dem Forellenquintett, dann aber gefolgt von meinen damals gemäßigt modernen Stücken z.B. für Streichquartett und Fahrradklingel.

Welche Wünsche haben Sie als Komponist und Dirigent an die Zukunft?

Der zeitgenössischen Musik wird u.a. mit unserer Reihe „Na hör´n Sie mal…!“ immerhin ein Forum im kleinen Helmut-Hentrich-Saal der Tonhalle geboten. Das wird aber schon seit langem nach dem Motto „Aber stört bitte unsere Abonnenten nicht!“ getan. Ich bin jedoch von einer solchen Strategie nicht sehr überzeugt, wenn es heißt: „Na klar brauchen wir neue Musik - für diejenigen, die es mögen.“ Es stellt sich die Frage, ob die Verantwortlichen wirklich dahinter stehen. Nach einem Konzert mit Neuer Musik in der Neanderkirche vor vielen Jahren schrieb der Kritiker begeistert, wir würden das „spielen wie Musik!“ So begegnet man immer wieder sehr seltsamen Vorstellungen über die „Kunst“-Musik unserer Zeit.

Mark-Andreas Schlingensiepen: „Eric lässt grüßen“ Uraufführung!

Vor einiger Zeit habe ich für einen klavierspielenden Freund und Förderer zu seinem Geburtstag ein Klavierstück – gewissermaßen als Ständchen – geschrieben. Es hat den Titel „Eric lässt grüßen“ und bezieht sich als eine Art Hommage auf den französischen Komponisten Erik Satie. Angeregt wurde ich zu dem Stück durch die Zugaben-Praxis des fabelhaften Pianisten Igor Levit bei seinem Beethoven-Zyklus hier in der Tonhalle. Grzegorz Stopa hat nun mein Klavier-Stückchen für das Akkordeon adaptiert, was ihm noch stärker französisches Flair verleiht. (Schlingensiepen)

Die Neue Musik kann nicht ein Projekt von nur einigen wenigen Komponisten und Enthusiasten sein. Je mehr interessierte Menschen und engagierte Institutionen an diesem Projekt aktiv beteiligt sind, desto besser! Es wäre sehr wünschenswert, wenn die Neue Musik nicht nur eine schmale Nische wäre, sondern wenn sie eine repräsentative Funktion in unserer Gesellschaft ausfüllen könnte, weil nur dann die „klassische“ Musik nicht zu einem reinen Museumsbetrieb würde. Die Musikgeschichte muss fortgesponnen werden, damit Musik lebendig bleibt!

Das Interview führte
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

 
Mark-Andreas Schlingensiepen und Hartwig Frankenberg beim Gespräch in der Musikbibliothek.Foto: Thomas Kalk