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(01/02 2017)

Winken vergrößert die Welt!

Winken vergrößert die Welt!

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Wem der Wink nach dem Taxi gelingt, hat zunächst einmal gewonnen und kann sich wenigstens in Teilen der Welt bemächtigen – egal ob er familienbewusst zur gedenkenden Begrüßung verblichener Angehöriger auf den Friedhof will, oder fluchtartig zum Flieger in Richtung Südsee starten muss. Grundsätzlich vergrößert Winken die Reichweite des händisch fuchtelnden Subjekts – natürlich nur, sofern es verstanden wird. Vor ähnlichen Herausforderungen ist auch jeder Dirigent gestellt, wenn er die klangliche Bedeutung eines semantischen Gestrüpps aus Punkten, Strichen und Linien – Noten, Partitur oder „Literatur" – nicht nur seinen Orchestermusikern, sondern auch einem erwartungsfroh lauschenden Publikum erschließen will.

Nicht minder angestrengt muss es Hildegard von Bingen (1098–1179) ergangen sein. Sie stellte ja nicht nur Husten-Tees zusammen, sondern war die 2012 endlich heilig gesprochene Mystikerin und Universalgelehrte des Mittelalters, die emanzipiert über den Dingen stand und sich in Form von Visionen mit dem Göttlichen verbunden erlebte, ihre Eingebungen dabei aber zu deuten verstand. Ihre Werke befassen sich mit Religion, Medizin, Ethik und Kosmologie. Darüber hinaus war sie Beraterin vieler Persönlichkeiten sowie Dichterin und auch Komponistin. Hier sind es u.a. 77 liturgische Gesänge, die als „Symphonia armonie celestium revelationum" (Symphonie der Harmonie himmlischer Erscheinungen) in die Musikgeschichte eingegangen sind.

In der Gregorianik hat Hildegards Musik eine Sonderstellung und zeichnet sich durch weiträumige Tonumfänge sowie durch große Intervalle wie Quart- und Quintsprünge aus. Ihre liturgischen Gesänge finden nicht nur theoretisches Interesse in mittelalterlichen Seminaren, sondern werden immer häufiger einem staunenden Publikum im Konzertsaal dargeboten.

So hat die Düsseldorfer Sopranistin Irene Kurka – zusätzlich zu ihrem Gesangstudium – einen Master für Mittelaltermusik abgeschlossen und brilliert u.a. mit dem Repertoire „Stimme Solo", indem sie z.B. Gesänge von Hildegard von Bingen mit solchen von John Cage kontrastiert. Wie unser Interview (S. 12–19) u.a. ergab, studiert und interpretiert sie nicht nur Notationssysteme zeitgenössischer Komponisten, sondern auch „Neumen" genannte Zeichenkomplexe. Darunter versteht man skizzenhafte Zeichen mittelalterlicher Musik, die jeweils über den Gesangstexten angeordnet sind und – als Vorläufer moderner grafischer Aufzeichnungsmethoden – den Sängern als Gedächtnisstütze dienten. Es sind teils merkwürdig anmutende Symbole zur ungefähren Angabe beim Heben und Senken der Stimme, weniger zur Bestimmung von Dauer und Höhe eines Tons. Sprachgeschichtlich gehen Neumen auf das altgriechische „neuma" zurück und bezeichnen als „Wink" die Bewegungen einstiger Chorleiter. Denn auch damals galt schon: Winken vergrößert die Welt!

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Editorial

Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf