Konzertkalender in+um Düsseldorf

Archiv

Editorial-Archiv

(07/08 2017)

Wie klingt Kasimirs Harfe in der Tonhalle? – Ein aktueller Testfall.

Wie klingt Kasimirs Harfe in der Tonhalle? – Ein aktueller Testfall.

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Die Angst vor dem falschen Ton ist nirgends größer als in der Musik! Ein Griff daneben, und die Aufführung verliert augenblicklich an Glanz und Gloria. Tipp-Ex oder Korrekturprogramme stehen den Musikern im Konzertsaal gnadenlos nicht zur Verfügung. Ganz anders war es um das „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch bestellt, als dieser 1915, zwei Jahre vor der Russischen Revolution, seine suprematistische Bild-Schwärze mit weiß gemalter Umrandung ausgerechnet im Herrgottswinkel einer St. Petersburger Galerie einem geschockten Publikum präsentierte und damit bewusst den falschen gesellschaftlichen Ton anschlug. Die weltberühmte Ikone sollte als absoluter Kontrast und Abstand den Nullpunkt und Neubeginn zeitgenössischer Kunst begründen und die „Empfindung der Gegenstandslosigkeit“ offenbaren.

Seit über 30 Jahren trifft sich im Helmut-Hentrich-Saal der Düsseldorfer Tonhalle ein besonderes Orchester, das sich der zeitgenössischen Musik verschrieben hat: notabu.ensemble neue musik – unter der Leitung von Mark-Andreas Schlingensiepen. Musiker und Komponisten Neuer Musik begegnen hier (abseits vom Mainstream-Getue) einem hörfreudigen und fachkundigen, kleinen und treuen Publikum, das den vermeintlich falschen Ton nicht stört oder scheut – sondern begeistert bis enthusiastisch, gar befreit, in avantgardistischen Klangräumen begrüßt.

Bei einem dieser Konzerte war (wie schon öfter) eine Harfe zu hören. Aber: Neben dem ehrwürdigen Instrument lag ein großes, schwarzes Tuch auf dem Fußboden, das der Dirigent mit dem lakonischen Hinweis erklärte, die Harfenistin könne mithilfe dieses Kontrastes gegen den sonst hellen Boden die farbigen Saiten ihres Instrumentes besser erkennen. Diese kleine Anekdote verdichtet sich nun im Rätselbild auf der Titelseite des vorliegenden Konzertkalenders zu „Kasimirs Harfe“ und soll den sicheren Griff als Reflex auf Neues und Ungewohntes betonen und bestärken. Die bunten Striche verkörpern dabei das typische, farbige Saiten-Schema einer jeden Konzertharfe.

Als weitere Kontrastgeschichte schildert Mark-Andreas Schlingensiepen im Interview (Seiten 10–18), wie er als Kind und Jugendlicher zunächst nur die schwarzen Tasten eines Klaviers traktierte, weil er sie gegenüber den weißen Tasten schon rein farblich unterscheiden konnte. Seine musikalisch versierte Umgebung reagierte (Malewitsch lässt grü.en!) irritiert bis erschrocken, zumal pianistische Anfänger normalerweise die schwarzen Tasten als bedrohliche Vorzeichen wie Cis, Dis, Fis, Gis, Ais eher zu meiden und dem disziplinierenden Quintenzirkel zu entkommen versuchen. So können Kontraste – ob Bunt vor Schwarz oder Schwarz auf Weiß – nicht nur die Sicht verbessern, sondern den revolutionären, kreativen Schwung und Griff befördern und beschwören!

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Editorial

Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf