Konzertkalender in+um Düsseldorf

Archiv

Editorial-Archiv

(09/10 2017)

Mit und ohne Gurke: Im widerspenstigen Humus unserer Launen und Lüste!

Mit und ohne Gurke: Im widerspenstigen Humus unserer Launen und Lüste!

 
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Die Gurke erfreut sich in ihrem Dasein eines genetischen Spagats zwischen fleischiger Beere und fruchtigem Kürbisgewächs. Sie hat menschliche Züge, da ihr Wassergehalt mit 98% dem unseres Körpers, besonders bei seiner Geburt, sehr nahe kommt. Menschlich gibt sich die Gurke auch dann, wenn in ihrem Namen eine überaus große Nase, besonders eines Mannes, „Gurke“ genannt wird. Unserer Mobilität gibt sie ebenfalls gelegentlich beschreibenden Beistand, wenn wir etwas mühselig und ziellos durch die Gegend „gurken“, oder mit einem alten, klapprigen Auto, das wir liebevoll „alte Gurke“ nennen, unterwegs sind. Es ist die bedeutungsmäßige Ambivalenz, welche die Verwendung der lateinisch „Cucumis sativus“ genannten, höchst vielseitigen Frucht – durchaus humoristisch gewürzt – zum Sprachbild erhebt.

Bleiben wir beim Menschen und lassen einmal Küche und Keller ausnahmsweise links liegen, so kann uns die Gurke weitere interessante Bezüge eröffnen: Als bildungsreisender Herausgeber und Redakteur des Konzertkalenders war mir vor etlichen Wochen eine Begegnung mit Alexandra von der Weth, Düsseldorfer Opernsängerin und Stimmbildnerin, auf dem besonnten Balkon ihrer Wohnung vergönnt. Es ging um die Vorbereitung des Interviews für die vorliegende Ausgabe des Konzertkalenders, was wir mit plaudernder Ernsthaftigkeit und viel Gelächter genussvoll zelebrierten. Gegen Ende fiel der Blick der Sängerin auf die Rätselbilder der Titelseiten früherer Ausgaben des Konzertkalenders und sie fragte nach deren Bedeutung. Verständlicherweise hatte ich damals noch keine Idee für dieses höchst-kreative Erfordernis im aktuellen Heft. „Schauergurke!“ brach es plötzlich lachend aus ihr hervor. Und ich hörte folgende Geschichte:

Der Regisseur Werner Schroeter (1945–2010) begleitete 2003 an der Deutschen Oper am Rhein die Oper „Norma“ von Vincenzo Bellini mit Alexandra von der Weth in der Hauptrolle als Oberpriesterin. In der Rückschau erinnerte sie sich: „Den Begriff Schauergurke hat der Regisseur Werner Schroeter ins Leben gerufen, weil ich schon während der szenischen Proben die Titelfigur so schön schaurig verkörpert hatte, dass alle vor Schrecken starr waren!“ Von großer Rührung und endloser Anmut erfüllt, kann man im Internet eine weitere, ganz andere Geschichte – ohne Gurke! – mit der Opernsängerin erleben: 2004 sang sie in der Oper „Manon“ von Jules Massenet ebenfalls die Hauptpartie. Am Ende des 3. Aktes überreicht sie den weißen Pelzmantel ihrer bedröppelten Entourage, läuft geschwind auf die andere Seite des Orchestergrabens und singt – direkt vor dem Publikum, unmittelbar neben dem Dirigenten Baldo Podic – die Arie „Profitons bien de la jeunesse!“ Zugleich findet sich – für alle sichtbar – die linke, orchesterleitende Hand des Dirigenten mit der ebenfalls linken, inszenierenden Hand der Sängerin immer wieder zusammen: Mit dieser beglückenden Geste führen beide Hand in Hand sekundenbruchweise das musikalische Geschehen! Der Schlussapplaus will partout nicht enden!

Herzliche Grüße –
Prof. Dr. Hartwig Frankenberg

Editorial

Titelgrafik: Michel Schier, Düsseldorf